Was ich von Wieland Müller über unmögliche Veränderungen, Berufung und das unentdeckte Potenzial in Menschen gelernt habe
Als junger Mann war Wieland Müller überzeugt, dass er seine Verwandten in Westdeutschland wohl erst als Rentner besuchen könnte. Das politische System der DDR erschien ihm so festgefügt, dass eine grundlegende Veränderung kaum vorstellbar war.
Dann fiel die Mauer. Wieland war 21 Jahre alt.
In unserem Gespräch erzählte er von überfüllten Kirchen, schweigenden Menschen mit Kerzen und einem Polizeigebäude, das von einem Ring aus Licht umgeben war. Er erlebte, wie ein scheinbar unerschütterliches System ohne militärische Gewalt zusammenbrach.
Diese Erfahrung hat seine Theologie geprägt. Wieland glaubt nicht nur, dass Gott handeln kann. Er hat erlebt, wie Gott Wirklichkeiten verändert, die Menschen für unveränderlich hielten.
Während unseres Gesprächs wurde mir deutlich: Diese Überzeugung prägt auch seinen Blick auf Berufung und Leiterschaft. Wer Gott zutraut, Geschichte zu verändern, darf auch Menschen nicht auf das festlegen, was heute sichtbar ist.
Ein System, das für immer zu bleiben schien
Wieland wuchs in einem Staat auf, in dem der Atheismus zur herrschenden Weltanschauung gehörte. In der Schule und im öffentlichen Leben wurde ihm vermittelt, dass der christliche Glaube der Vergangenheit angehöre. Christ zu sein bedeutete, gegen den gesellschaftlichen Strom zu leben.
Sein Elternhaus gab ihm den nötigen Rückhalt. Trotzdem prägte die DDR auch seinen Blick auf die Zukunft. Das System war einfach da. Es bestimmte, wohin man reisen, was man studieren und welche Wege man einschlagen konnte. Wieland rechnete nicht ernsthaft damit, dass sich daran zu seinen Lebzeiten etwas ändern würde.
Dann begannen die Montagsgebete und Friedensdemonstrationen. Menschen strömten in die Kirchen, weil sie dort einen der wenigen Räume fanden, in denen sie sich versammeln konnten. In Wielands Heimatstadt Suhl war die Kirche so voll, dass Menschen in den Gängen und auf den Fensterbrettern standen.
Wieland verklärt diese vollen Kirchen im Rückblick nicht. Die Menschen kamen nicht in erster Linie, weil sie eine geistliche Erneuerung suchten. Viele von ihnen waren atheistisch geprägt und wollten eine politische Veränderung. Niemand wusste, ob der Versuch gelingen oder gewaltsam beendet werden würde.
Umso eindrücklicher ist das Bild, das Wieland beschreibt. Menschen verließen schweigend die Kirche. In den Händen hielten sie brennende Kerzen. Bewaffnete Sicherheitskräfte standen Spalier. Doch niemand provozierte. Schließlich umstellten die Demonstrierenden die Polizeizentrale und stellten ihre Kerzen auf den Boden. Ein staatliches Machtzentrum war plötzlich von Licht umgeben.
Wenige Wochen später fiel die Mauer.
Gott handelt in der Geschichte
Für Wieland wurde die friedliche Revolution zu einer persönlichen Glaubenserfahrung. Später entdeckte er in westdeutschen Losungsheften, dass Christinnen und Christen über Jahre regelmäßig für die Wiedervereinigung Deutschlands gebetet hatten. Was für ihn undenkbar gewesen war, hatten andere im Gebet vor Gott gebracht.
Das führte ihn zu einem Satz, der zum Schlüssel unseres Gesprächs wurde:
„Sei nicht davon überzeugt, dass die Dinge, die undenkbar sind, nicht doch möglich sind. Alle Dinge sind Gott möglich.“
Das ist keine oberflächliche Zuversicht, die Schwierigkeiten ausblendet. Auch Wieland schaut mit Sorge auf politische Konflikte und gesellschaftliche Spannungen. Er erwartet nicht, dass die Welt von selbst immer friedlicher und gerechter wird. Seine Hoffnung gründet tiefer. Sie liegt in der Überzeugung, dass Gott auch die größten Konflikte nicht entgleiten und dass menschliche Macht nie das letzte Wort haben wird.
Mich hat dieser Unterschied beschäftigt. Es ist das eine, theologisch zu wissen, dass Gott handeln kann. Es ist etwas anderes, mit 21 Jahren zu erleben, wie sich eine Wirklichkeit verändert, die das eigene ganze Leben bestimmt hat.
Solche Erfahrungen prägen unseren Glauben. Theologie entsteht nicht nur aus Büchern und Lehrsätzen. Sie wird auch biografisch geformt. Wir lesen die Bibel mit den Geschichten, Verwundungen und Wundern unseres Lebens. Bei Wieland ist daraus eine Theologie der Möglichkeiten gewachsen. Sie rechnet damit, dass Gott Türen öffnen kann, wo wir nur Mauern sehen.
Wenn Gott den eigenen Lebensplan verändert
Die politische Öffnung veränderte nicht nur Deutschland. Sie öffnete auch einen Weg, den Wieland selbst lange nicht gehen wollte.
Schon vor dem Mauerfall hatte er den Eindruck, dass Gott ihn in den pastoralen Dienst rief. Das passte nicht zu seinen eigenen Vorstellungen. Zwei Jahre brauchte er, um seine Pläne loszulassen. Bemerkenswert finde ich, wie er Gottes Ruf in dieser Zeit erlebt hat. Nicht als Drohung und nicht als geistlichen Druck, sondern als liebevolle Einladung: Lass deine Vorstellung von deinem Leben los. Folge mir auf diesem Weg.
Berufung ist eben nicht immer ein plötzliches Gefühl von Klarheit und Begeisterung. Manchmal ist sie ein längeres Ringen. Gott nimmt unsere Freiheit ernst. Er zwingt uns nicht in einen vorgefertigten Lebenslauf. Aber er darf unsere Pläne infrage stellen und uns eine Zukunft zeigen, auf die wir selbst nicht gekommen wären.
Als Wieland schließlich Ja sagte, geschah vieles in kurzer Zeit. Die Mauer fiel. Grenzen öffneten sich. Plötzlich konnte er am Theologischen Seminar St. Chrischona studieren. Nach rund 40 Jahren war er der erste Student aus dem ehemaligen Osten, der dort seine Ausbildung begann.
Was zuvor politisch unmöglich gewesen war, wurde zum Weg seiner Berufung.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Wieland heute so leidenschaftlich in die theologische Bildung investiert. Er weiß, wie viel davon abhängen kann, dass Menschen Gottes Ruf hören, eine fundierte Ausbildung erhalten und ermutigt werden, ihr Leben für das Reich Gottes einzusetzen. Er formuliert es kraftvoll: Er möchte dazu beitragen, dass Menschen Ewigkeitswerte schaffen.
Was Mangel mit Hoffnung zu tun hat
Wielands Kindheit in der DDR hat ihm noch etwas anderes beigebracht. Weil vieles nicht verfügbar war, musste man improvisieren, reparieren und mit dem arbeiten, was vorhanden war. Wenn ein Ersatzteil fehlte, konnte man nicht einfach ein neues bestellen. Man musste genau hinsehen und sich fragen: Was habe ich bereits, und was könnte daraus werden?
Diese Haltung prägt auch seine Leiterschaft.
Wenn Wieland einen Menschen oder eine Organisation erlebt, die unter den eigenen Möglichkeiten bleibt, wird er unruhig. Er beginnt zu überlegen, welches Potenzial dort verborgen liegt und was nötig wäre, damit es sich entfalten kann. Er schaut nicht nur auf das, was fehlt. Er fragt, was schon vorhanden ist.
Das klingt zunächst nach einem einfachen Perspektivwechsel. Im Alltag einer Gemeinde ist es jedoch anspruchsvoll. Mangel ist laut. Eine unbesetzte Stelle, fehlende Mitarbeitende oder ein überlastetes Team drängen sich auf. Potenzial ist oft leise. Es steckt in Menschen, die noch keine Erfahrung haben, sich selbst wenig zutrauen oder bisher kaum wahrgenommen wurden.
Wer nur den Mangel sieht, sucht schnell nach einer fertigen Lösung von außen. Wer Möglichkeiten entdecken will, muss langsamer werden. Wieland spricht vom Hinsehen und Hinhören. Er nimmt sich Zeit, die Sehnsüchte, Fragen, Begabungen und Nöte eines Menschen kennenzulernen. Erst dann lässt sich erkennen, was Gott bereits in diese Person hineingelegt haben könnte.
Dieser Blick beginnt für ihn bei der Liebe Gottes. In seinem Unterricht zur Mitarbeiterführung arbeitet Wieland mit dem Doppelgebot der Liebe. Ich bin zuerst selbst von Gott geliebt. Aus dieser Beziehung heraus schaue ich auf meinen Nächsten als einen Menschen, den Gott ebenfalls liebt. Gute Leitung fragt deshalb nicht zuerst: Wie kann diese Person meine Ziele erreichen? Sie fragt: Wie kann ich sehen und fördern, was Gott in ihr angelegt hat?
„Ich glaube, du kannst das“
Wie folgenreich ein solcher Blick werden kann, zeigt eine Geschichte aus Wielands Zeit als Jugendreferent.
Für eine Freizeit in Spanien suchte er jemanden, der für 50 Jugendliche kochen konnte. Ihm fiel ein junger Mann von 18 Jahren ein, den er aus der Jugendarbeit kannte. Wieland traute ihm die Aufgabe zu und fragte ihn. Für Wieland war es zunächst eine naheliegende Anfrage. Für den jungen Mann war es eine gewaltige Herausforderung.
Mit einem Kochbuch und der Unterstützung einer Mitarbeiterin stellte er sich der Aufgabe. Es gelang. Jahre später erzählte er Wieland, wie prägend diese Erfahrung für ihn gewesen war. Heute trägt dieser Mann Leitungsverantwortung in einem Unternehmen und in einem Verband.
Natürlich wird nicht aus jeder gelungenen Aufgabe eine Berufung in die Leitung. Menschen dürfen sich ausprobieren und auch entdecken, dass ihre Begabung an einer anderen Stelle liegt. Doch dafür brauchen sie Räume. Vor allem brauchen sie Menschen, die ihnen etwas zutrauen.
Manchmal beginnt eine Berufung mit einem Satz wie diesem:
„Ich glaube, du kannst das. Ich stehe hinter dir.“
Dieser Satz verspricht nicht, dass alles leicht wird. Er bedeutet auch nicht, jemanden unvorbereitet allein zu lassen. Er eröffnet einen Raum, in dem ein Mensch Verantwortung übernehmen, lernen und wachsen kann. Vielleicht sehen wir eine Begabung, die der andere selbst noch nicht erkennt. Vielleicht leihen wir ihm für eine Zeit unser Vertrauen, bis sein eigenes gewachsen ist.
Geistliche Leitung hat deshalb immer mit Multiplikation zu tun. Leiterinnen und Leiter erledigen nicht nur Aufgaben. Sie nehmen andere mit. Sie teilen Verantwortung, Erfahrungen und Leidenschaft. Wieland erzählte von einem Pastor, der sich bei fast allem fragt, wen er mitnehmen könnte. Gemeinsam fahren sie zu einer Veranstaltung, führen Gespräche und reflektieren auf dem Rückweg. Förderung geschieht dort nicht zuerst in einem Kurs, sondern im geteilten Leben.
Vielleicht ist die gesuchte Person längst da
Bei IGW erleben wir eine deutliche Spannung. Immer wieder melden sich Gemeinden bei uns und fragen: Habt ihr jemanden, den ihr uns schicken könnt? Viel seltener hören wir: Wir haben in unserer Gemeinde einen Menschen entdeckt, den wir euch zur Ausbildung schicken möchten.
Natürlich lassen sich nicht alle offenen Stellen aus den eigenen Reihen besetzen. Manchmal ist eine Person von außen genau die richtige. Trotzdem hat Wieland eine wichtige Frage gestellt: Übersehen wir womöglich Menschen, die Gott längst in unsere Gemeinden gestellt hat?
Vielleicht ist es ein Jugendlicher, dem bisher niemand Verantwortung zugetraut hat. Vielleicht ist es eine Leiterin aus der Wirtschaft, die in der Mitte ihres Lebens neu fragt, wofür sie ihre Erfahrung einsetzen möchte. Vielleicht ist es eine Frau von 60 Jahren, die erst seit wenigen Wochen zur Gemeinde gehört und aufblüht, weil jemand sie nach ihrer Begabung gefragt hat.
Wir sprechen oft davon, dass junge Menschen die Zukunft der Kirche sind. Wieland widerspricht diesem Satz nicht, weil junge Menschen unwichtig wären. Er weitet ihn:
„Jede Person ist die Zukunft der Kirche. Ob sie 80 ist oder 18 oder 8.“
Dieser Gedanke gefällt mir. Er nimmt die nächste Generation ernst, ohne Berufung an ein bestimmtes Alter, einen geraden Lebenslauf oder eine klassische christliche Biografie zu binden. Gott kann einen Menschen früh rufen. Er kann aber auch mitten im Leben einen neuen Akzent setzen. Unsere Aufgabe ist es, aufmerksam zu bleiben.
Gerade Gemeindeleitungen stehen dabei in der Gefahr, vom laufenden Betrieb völlig beansprucht zu werden. Gottesdienste, Programme und offene Stellen verlangen Aufmerksamkeit. Irgendwann kreist alles um die Frage, wie die Organisation weiterfunktionieren kann. Dabei gerät leicht aus dem Blick, warum es sie überhaupt gibt und welche Menschen Gott ihr anvertraut hat.
Wieland empfiehlt deshalb, einen Schritt zurückzutreten und das große Bild des Reiches Gottes anzuschauen. Wir können eine lange Liste darüber schreiben, was fehlt. Oder wir fragen dankbar: Was ist schon da? Wer ist schon da? Was ist bereits gewachsen? Welcher nächste Schritt könnte daraus entstehen?
Eine Theologie der Möglichkeiten
Am Ende führt mich unser Gespräch zurück zum Fall der Mauer.
Ein junger Christ in der DDR glaubte, das politische System werde vermutlich bis zu seiner Rente bestehen. Wenige Jahre später studierte er in der Schweiz am Theologischen Seminar St. Chrischona und begann einen Weg, der ihn in den pastoralen Dienst, nach Südafrika, in die Leitung des C1-Bundes und in die theologische Bildung führen sollte.
Wielands Geschichte ist kein Versprechen, dass jede Mauer sofort fällt, jede Berufung geradlinig verläuft oder jedes verborgene Potenzial vollständig sichtbar wird. Manche Gebete bleiben lange offen. Manche gesellschaftlichen Entwicklungen machen uns Angst. Manche Menschen lehnen die Räume ab, die wir ihnen eröffnen.
Christliche Hoffnung lebt nicht von der Garantie schneller Erfolge. Sie lebt von der Wirklichkeit Gottes.
Deshalb müssen wir die Gegenwart nicht kleinreden. Aber wir dürfen ihr auch nicht das letzte Wort geben. Nicht über ein politisches System. Nicht über eine Gemeinde. Nicht über einen Menschen. Und auch nicht über unser eigenes Leben.
Vielleicht stehen wir gerade vor einer Mauer und können uns nicht vorstellen, dass sie sich je öffnen wird. Vielleicht sehen wir in unserer Gemeinde vor allem den Mangel. Vielleicht ist ein Mensch vor unseren Augen, dessen Möglichkeiten wir längst festgelegt haben. Oder vielleicht sind wir selbst überzeugt, dass es für eine neue Berufung zu spät ist.
Dann erinnert mich Wielands Leben an eine geistliche Haltung, die wir dringend brauchen: Unterschätze nicht, was Gott verändern kann.
Er kann Geschichte bewegen. Er kann Lebenspläne neu schreiben. Er kann Begabungen ans Licht bringen, die bisher niemand gesehen hat. Und er kann uns Augen schenken für das, was längst vor uns steht.
Die entscheidende Frage lautet dann nicht nur: Was fehlt uns?
Sie lautet:
Was hat Gott uns bereits gegeben, und was könnte daraus werden?
Die ganze Folge ansehen
Das vollständige Herzgespräch mit Wieland Müller findest du auf YouTube:
Als Christ in der DDR aufgewachsen
Blogartikel
von Daniel Janzen
Berufung klären und Theologie studieren bei IGW
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