Warum unser Gottesbild unseren Umgang mit der Schöpfung prägt
2018 stand ich zum ersten Mal auf einem Gletscher. Gemeinsam mit meinem Vater und meinem Bruder überquerte ich die Plaine Morte auf dem Weg zum Wildstrubel. Mein Vater wollte uns diese Schönheit zeigen, solange sie noch da war.
Unter meinen Füssen lag eine gewaltige Eisfläche. Umgeben von Bergen, Wind und Weite spürte ich Ehrfurcht. Gleichzeitig wusste ich, wie verletzlich dieser Gletscher war. Wie konnte etwas so Mächtiges überhaupt so verletzlich sein, und welche Verantwortung trugen wir Menschen?
Diese Erfahrung liess mich nicht mehr los. Sie führte mich zu einer theologischen Frage: Was hat mein Glaube an Gott damit zu tun, wie ich mit der Schöpfung umgehe?
Christinnen und Christen beurteilen den Klimawandel unterschiedlich. Sie gewichten Ursachen, Prognosen und politische Massnahmen nicht gleich. Dieser Artikel will diese Fragen weder entscheiden noch eine bestimmte klimapolitische Position zum Massstab des Glaubens machen. Die Schöpfungsverantwortung der Kirche hängt aber auch nicht an einer einzigen Interpretation des Klimawandels. Sie beginnt viel grundsätzlicher: bei unserem Bekenntnis zu Gott als Schöpfer, bei der Würde seiner Geschöpfe und bei dem Auftrag, das uns Anvertraute zu bebauen und zu bewahren.
Deshalb lautet die entscheidende Frage nicht nur, was wir über das Klima denken. Sie lautet: Was glauben wir über Gott, die Welt und unsere Verantwortung in ihr?
Wissen allein verändert noch kein Verhalten
Viele Menschen wissen, dass menschliches Handeln Folgen hat. Sie sehen verschmutzte Gewässer, den Verlust von Lebensräumen und einen Umgang mit Ressourcen, der nicht unbegrenzt fortgesetzt werden kann. Auch in christlichen Gemeinden gehört die Bewahrung der Schöpfung grundsätzlich zum Auftrag des Menschen. Trotzdem bleibt sie im Glauben und Gemeindeleben häufig ein Randthema.
Offenbar reicht Wissen allein nicht aus. Auch Werte führen nicht automatisch zu einem veränderten Lebensstil. Mich interessierte deshalb, welche Rolle unsere Gottesvorstellungen spielen.
Einen wichtigen Anstoss gab mir die 2024 veröffentlichte Ge-Na-Studie zu sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit. Sie untersuchte religiöse Menschen in Deutschland und der Schweiz. Dabei zeigte sich ein Zusammenhang: Wer sich Gott vor allem als denjenigen vorstellt, der jedes Ereignis vollständig kontrolliert und nach einem feststehenden Plan lenkt, verhält sich im Durchschnitt weniger ökologisch nachhaltig.
Eine solche Korrelation beweist keine einfache Ursache. Sie bedeutet auch nicht, dass der Glaube an Gottes Macht zwangsläufig zu Passivität führt. Er stellt uns aber vor eine unbequeme Frage: Kann eine bestimmte Art, über Gottes Souveränität zu sprechen, ungewollt zur Beruhigung werden?
Wenn Gottes Souveränität zur Ausrede wird
«Gott hat alles im Griff» ist für viele Menschen ein tröstlicher Satz. Er erinnert uns daran, dass die Welt nicht allein von unserer Kraft und unseren Entscheidungen abhängt. Gerade angesichts grosser Krisen brauchen wir dieses Vertrauen.
Doch derselbe Satz kann auch anders wirken:
Wenn Gott ohnehin alles lenkt und die Welt am Ende erneuert, ist mein Handeln nicht besonders wichtig.
Dann wird aus Vertrauen Fatalismus. Gottes Souveränität dient nicht mehr als Grund unserer Hoffnung, sondern als Entlastung von Verantwortung. Die kommende neue Schöpfung erscheint wie ein Ersatz für diese Erde. Was heute mit ihr geschieht, verliert an Gewicht.
Die Bibel verbindet Gottes Herrschaft jedoch immer wieder mit menschlicher Verantwortung. Gott schafft die Welt und vertraut sie Menschen an. Er schenkt Leben, setzt Grenzen und gibt einen Auftrag. Dass Gott handelt, macht unser Handeln nicht überflüssig. Es begründet es.
Das gilt unabhängig davon, wie jemand einzelne Klimamodelle oder politische Programme beurteilt. Wir müssen nicht in allen Analysen übereinstimmen, um Abfall zu vermeiden, Ressourcen verantwortlich zu nutzen, Tiere und Lebensräume zu schützen oder die Folgen unseres Konsums für andere Menschen zu bedenken. Solche Schritte folgen nicht zuerst einer Partei oder einer Bewegung. Sie folgen aus der Liebe zu Gott und zu dem, was er geschaffen hat.
Die Schöpfung ist mehr als eine Kulisse
Für meine Bachelorarbeit habe ich die Ökotheologien von Sallie McFague, Leonardo Boff und A. J. Swoboda untersucht. Die drei stammen aus sehr unterschiedlichen theologischen Welten. McFague argumentiert protestantisch und ökofeministisch, Boff katholisch und befreiungstheologisch, Swoboda pfingstlich und evangelikal. Keine dieser Stimmen muss vollständig übernommen werden. Gemeinsam stellen sie aber Fragen, denen sich auch evangelikale Theologie nicht entziehen sollte.
Alle drei widersprechen der Vorstellung, die nichtmenschliche Schöpfung sei bloss Rohstoff oder vorübergehende Bühne für Gottes Geschichte mit den Menschen. Sie betonen ihre Vielfalt, ihre komplexen Zusammenhänge und ihren eigenen Wert vor Gott. Die besondere Beauftragung des Menschen berechtigt ihn nicht zur rücksichtslosen Verfügung. Sie macht ihn verantwortlich.
Besonders hilfreich ist für mich der Blick auf den Heiligen Geist. In der Bibel begegnet er als Atem, Wind und Lebensspender. Psalm 104 beschreibt, wie die Geschöpfe leben, weil Gott seinen Geist sendet. Der Lebensatem Gottes erinnert uns daran, dass nicht nur Menschen aus sich selbst leben. Die ganze Schöpfung ist empfangenes Leben.
Swoboda entfaltet daraus eine pfingstliche Schöpfungstheologie. Der Geist wirkt nicht nur im Gottesdienst oder in einzelnen Gaben. Er ist auch der Geist des Schöpfers, der Leben hervorbringt, erhält und zur Erneuerung befähigt. Wer um sein Wirken bittet, kann nicht gleichgültig gegenüber dem bleiben, was dieser Geist belebt.
Gott in der Schöpfung begegnen
McFague und Boff gehen in ihrer Gottesrede teilweise deutlich weiter. Sie sprechen von der Welt als Körper Gottes, von Gottes Gegenwart im gesamten Kosmos und von einer Schöpfung, in der Gott aufscheint. Diese Bilder können helfen, die Nähe Gottes zu seiner Welt neu wahrzunehmen. Sie bergen aber auch Risiken.
Die Schöpfung ist nicht Gott. Ein Wald, ein Tier oder ein Berg darf nicht vergöttlicht werden. Gott ist seiner Welt nahe und bleibt doch ihr Schöpfer. Auch lässt sich nicht alles in der Natur unmittelbar als Offenbarung seines Wesens deuten. Die Schöpfung zeigt Schönheit und Fülle, aber auch Schmerz und Tod.
Deshalb braucht unsere Wahrnehmung der Natur theologische Prüfung. Was wir dort über Gott zu erkennen meinen, muss sich am biblischen Zeugnis, an Jesus Christus und im Gespräch der Kirche bewähren. Gerade an diesem Punkt haben mich die untersuchten Ansätze nicht nur inspiriert, sondern auch zu kritischen Rückfragen geführt.
Aus Sorge vor einer Vergöttlichung der Natur sollten wir aber nicht ins andere Extrem fallen. Die Unterscheidung zwischen Schöpfer und Schöpfung bedeutet keine Trennung. Die Welt ist nicht göttlich, aber sie gehört Gott und trägt Spuren seiner Weisheit. Wir können ihm in seiner Schöpfung begegnen, ohne ihn mit ihr gleichzusetzen.
Was Gott liebt, kann uns nicht gleichgültig sein
Der stärkste gemeinsame Gedanke der von mir untersuchten Theologien liegt für mich in ihrer Christologie. Gott bleibt dem Leiden seiner Geschöpfe nicht fern. In Jesus wird er selbst Teil der verletzlichen, materiellen Welt. Er kennt Hunger, Schmerz, Ausgrenzung und Tod.
Das Kreuz zeigt keinen Gott, der unbeteiligt über der Welt thront. Es zeigt einen Gott, der sich seiner Schöpfung zuwendet und ihr Leiden trägt. Die neutestamentliche Hoffnung reicht deshalb weiter als die Rettung einzelner Seelen. Nach Kolosser 1 will Gott durch Christus alles mit sich versöhnen. Nach Römer 8 seufzt die ganze Schöpfung und wartet auf Erlösung.
Darum ist es angemessen zu sagen:
Wer Gottes Schöpfung zerstört, beschädigt etwas, das Gott liebt und das er in Christus mit sich versöhnen will.
Diese Aussage setzt keine Einigkeit über jede ökologische Diagnose voraus. Sie ruft aber zu einer Haltung der Achtsamkeit auf. Wer begründete Zweifel an einer Prognose hat, ist damit nicht von der Verantwortung entbunden, sorgsam mit Boden, Wasser, Tieren, Pflanzen und Mitmenschen umzugehen. Ebenso darf ökologisches Engagement nicht dazu führen, Menschen mit anderen Einschätzungen vorschnell moralisch oder geistlich abzuwerten.
Schöpfungsverantwortung braucht Wahrheit und Demut. Sie hört auf wissenschaftliche Erkenntnisse, prüft politische Lösungen und weiss zugleich, dass keine Partei das Reich Gottes vertritt. Sie nimmt reale Schäden ernst, ohne Angst zum Motor des Glaubens zu machen.
Hoffnung nimmt uns in die Verantwortung
Christliche Hoffnung sagt nicht: Wir Menschen müssen die Welt retten. Dieser Anspruch würde uns überfordern und leicht in Angst oder Resignation führen. Christliche Hoffnung sagt: Gott gibt seine Schöpfung nicht auf.
Die Auferstehung Jesu ist dafür das entscheidende Zeichen. Gott vernichtet das Geschaffene nicht, um etwas völlig Fremdes an seine Stelle zu setzen. Er erweckt, verwandelt und vollendet. Darum ist die Hoffnung auf eine neue Schöpfung keine Erlaubnis zur Vernachlässigung der alten. Sie ist die Zusage, dass unser Einsatz nicht sinnlos ist.
Gottes Souveränität und menschliche Verantwortung sind keine Gegensätze. Ich muss nicht glauben, dass alles von mir abhängt. Aber ich darf glauben, dass mein Handeln Bedeutung hat. Gott wirkt, und er lädt Menschen ein, an seinem heilenden und versöhnenden Handeln teilzunehmen.
Das beginnt oft unspektakulär. Gemeinden können Schöpfungsverantwortung in Predigt, Gebet und Jüngerschaft aufnehmen, ihren Energieverbrauch und Einkauf prüfen. Einzelne können bewusster konsumieren, weniger verschwenden, reparieren, teilen und sich gemäss ihren Möglichkeiten engagieren.
Nicht alle müssen dieselben Schwerpunkte setzen, und nicht jede Massnahme passt in jedes Umfeld. Entscheidend ist, die Frage nicht aus unserem Glauben auszulagern. Schöpfungsverantwortung ist weder Ersatz für Evangelisation noch ein Nebenthema besonders naturverbundener Menschen. Sie gehört zur Nachfolge des Schöpfers, zur Nächstenliebe und zur Hoffnung auf Gottes erneuerte Welt.
Theologie zeigt sich im Leben
Während meines Studiums habe ich sehr unterschiedliche theologische Entwürfe kennengelernt. Manche Gedanken haben mich fasziniert, andere haben mich irritiert. Ich musste prüfen, wo sie das biblische Zeugnis neu erschliessen und wo sie wichtige Grenzen verwischen.
Gerade darin liegt für mich der Wert theologischer Ausbildung. Sie bestätigt nicht nur vertraute Antworten. Sie hilft, die eigenen Gottesvorstellungen wahrzunehmen, fremde Stimmen fair zu hören und ihre Konsequenzen für das Leben zu prüfen.
Theologie bleibt nicht in Büchern. Unser Gottesbild zeigt sich darin, was wir für wertvoll halten, wofür wir Verantwortung übernehmen und worauf wir hoffen. Ein Gottesbild, das Gottes Macht gegen menschliche Verantwortung ausspielt, bleibt zu klein. Wir brauchen eine Sicht, in der Gottes Souveränität, seine Liebe zur Schöpfung und unser Auftrag zusammengehören.
Auf dem Gletscher begegnete mir nicht «die Natur» als etwas, das ausserhalb von mir liegt. Ich stand mitten in einer Schöpfung, zu der auch ich gehöre.
Ich muss die Welt nicht retten. Doch ich darf mich von Gottes Geist befähigen lassen, das zu schützen, was Gott geschaffen hat und liebt. Vielleicht zeigt sich mein Vertrauen darauf, dass Gott alles im Griff hat, gerade darin, dass ich das Meine nicht aus der Hand gebe.
Blogartikel
Von Aline von Fellenberg
Zur Abschlussarbeit
Dieser Artikel basiert auf der Bachelorarbeit «Der grüne Gott. Eine Literaturarbeit über ökotheologische Gottesvorstellungen» von Aline von Fellenberg, Bachelor of Arts, IGW, Mai 2026. Die Arbeit untersucht die Gottesvorstellungen bei Sallie McFague, Leonardo Boff und A. J. Swoboda sowie deren möglichen Einfluss auf ökologisch nachhaltiges Handeln.