Wie der Heilige Geist Einheit schafft, ohne Unterschiede auszulöschen
Unsere Gesellschaft leidet nicht an zu wenig Kommunikation. Wir senden, posten und kommentieren ununterbrochen. Und doch fällt es uns schwer, Menschen ausserhalb der eigenen Gruppe wirklich zu verstehen. Die Pfingstgeschichte eröffnet dazu eine überraschende Perspektive: Gottes Geist schafft keine Einheitssprache. Er befähigt Menschen, die Sprache der anderen zu sprechen.
Wir reden viel und verstehen uns wenig
Europa ist vielfältig. Menschen unterscheiden sich durch Herkunft, Sprache, politische Überzeugungen, soziale Milieus und religiöse Traditionen. Diese Vielfalt ist reich und schön. Sie kann aber auch zur Quelle von Abgrenzung werden. Digitale Medien verschärfen das Problem. Noch nie war es so einfach, Menschen zu finden, die unsere Sicht bestätigen. Zugleich verlieren wir die Übung, Stimmen zu hören, die uns widersprechen. Wir sprechen miteinander und leben doch in getrennten Wirklichkeiten.
Das Problem beginnt tiefer als bei unterschiedlichen Meinungen. Es betrifft unsere Identität. Die Sozialpsychologie beschreibt, wie Menschen sich Gruppen zuordnen, sich mit ihnen identifizieren und sie mit anderen Gruppen vergleichen. Zugehörigkeit gibt Halt. Gefährlich wird sie, wenn Vertrauen, Sympathie und Wohlwollen fast nur noch der eigenen Gruppe gelten. Man muss die anderen nicht einmal hassen. Es genügt, ihnen das Gute vorzuenthalten, das man den Eigenen selbstverständlich zugesteht.
Genau hier stellt sich eine theologische Frage: Kann christliche Identität Menschen verbinden, ohne ihre Unterschiede einzuebnen? Oder wird auch der Glaube zu einem weiteren Merkmal, mit dem sich eine Gruppe über andere erhebt? Apostelgeschichte 2 gibt darauf eine bemerkenswerte Antwort.
Gott ist nicht der Besitz unserer Gruppe
Der Theologe Ingolf U. Dalferth hat einen hilfreichen Gedanken formuliert. Menschliche Gleichheit braucht einen Bezugspunkt, der nicht einer der beteiligten Gruppen gehört. Er nennt diesen Bezugspunkt den Dritten. Wenn eine Gruppe selbst bestimmt, wer als gleichwertig gilt, kann sie diese Anerkennung auch wieder entziehen. Der Dritte muss deshalb der Verfügung aller Gruppen entzogen sein. Dalferths Schluss lautet: Letztlich kann nur Gott dieser Dritte sein.
Theologisch gesprochen sind wir Menschen nicht deshalb gleich, weil wir einander ähnlich genug wären. Wir sind gleich, weil Gott Gott ist und wir es nicht sind. Er ist der Schöpfer, wir sind seine Geschöpfe. Keine Nation, Kultur, soziale Schicht und auch keine Kirche kann sich selbst zur Norm des Menschseins machen. Vor Gott ist jede Identität eine besondere Identität unter anderen.
An Pfingsten erhält dieser Gedanke eine pneumatologische Zuspitzung. Petrus deutet das Geschehen mit der Verheissung aus Joel: Gott wird seinen Geist auf alles Fleisch ausgiessen. Söhne und Töchter, Junge und Alte, Dienende und gesellschaftlich Angesehene werden einbezogen. Damit wird nicht behauptet, jeder Mensch sei unabhängig vom Glauben bereits vom Geist erfüllt. Wohl aber wird jeder menschliche Monopolanspruch durchbrochen. Keine Gruppe besitzt den Heiligen Geist. Gottes Gegenwart lässt sich weder von einer Kultur noch von einem Geschlecht, einer Generation oder einer Konfession vereinnahmen.
Pfingsten ist keine Rückkehr zur Einheitssprache
Häufig wird Pfingsten als Umkehrung der Geschichte vom Turmbau zu Babel gelesen. In Genesis 11 wird die gemeinsame Sprache verwirrt, in Apostelgeschichte 2 würden die Menschen einander wieder verstehen. Das ist nicht falsch, greift aber zu kurz. Denn an Pfingsten wird die sprachliche Vielfalt nicht aufgehoben. Es entsteht keine neue heilige Einheitssprache. Parther, Meder, Menschen aus Ägypten, Rom und vielen weiteren Regionen hören Gottes grosse Taten jeweils in ihrer eigenen Sprache.
Das ist theologisch entscheidend. Nicht die Besucher Jerusalems müssen zuerst die Sprache der Jünger lernen. Der Geist befähigt die Jünger, die Sprachen der Besucher zu sprechen. Gottes Weg zur Einheit besteht nicht darin, alle Besonderheiten einer dominanten Kultur unterzuordnen. Er schafft Verständigung, indem Menschen die Grenze zur Lebenswelt der anderen überschreiten.
Wir verstehen die vielen Sprachen deshalb als ein hörbares Zeichen, beinahe als ein sprachliches Sakrament des Friedensreiches Gottes. Das Wort Sakrament ist hier weit gefasst. Gemeint ist ein wahrnehmbares Zeichen, in dem Gottes kommende Wirklichkeit bereits aufleuchtet. Menschen hören nicht nur eine Botschaft über Versöhnung. In der Art, wie sie ihnen begegnet, erfahren sie schon etwas von dieser Versöhnung. Ihre Sprache und damit ihre Geschichte und Würde erhalten Raum.
Mission beginnt mit dem Überschreiten der eigenen Grenze
Damit verändert Pfingsten auch unser Verständnis von Mission. Mission bedeutet nicht, dass eine religiöse Gruppe ihr Wissen, ihre Formen und ihre Sprache in eine fremde Lebenswelt exportiert. Sie folgt der Bewegung Jesu. Das Evangelium nimmt Gestalt in der Welt der anderen an. Wer vom Geist gesandt wird, spricht deshalb nicht nur zu Menschen. Er lernt, mit ihnen zu sprechen und an ihrem Leben teilzunehmen.
Das verlangt mehr als eine geschickte Übersetzung christlicher Begriffe. Die Sprache eines Menschen lernen heisst, seine Fragen ernst zu nehmen, seine Erfahrungen zu hören und wahrzunehmen, wo die eigene Position mit Macht verbunden ist. Manchmal bedeutet es, auf das Vorrecht zu verzichten, die Situation allein zu deuten. Die andere Person ist nicht nur Adressatin unserer Botschaft. Sie darf selbst sprechen und unser Verständnis von Gottes Wirken herausfordern.
Apostelgeschichte 10 führt diesen Gedanken weiter. Petrus erlebt im Haus des römischen Hauptmanns Kornelius, dass der Geist die von der Kirche gezogene Grenze überschreitet, bevor diese sie theologisch verarbeitet hat. Die Gemeinde verfügt nicht über Gottes Mission. Sie wird eingeladen, an dem teilzunehmen, was der Geist tut. Eine solche kooperative Pneumatologie macht demütig. Wir bringen Gott nicht in eine geistlose Welt. Wir rechnen damit, dass er uns vorausgeht und unsere gewohnten Kategorien korrigieren kann.
Treue Erinnerung statt pfingstlicher Nostalgie
Für pfingstlich geprägte Kirchen ist Apostelgeschichte 2 mehr als ein Bericht über die Vergangenheit. Die Erzählung prägt ihre Identität. Doch eine identitätsprägende Erinnerung kann auf zwei Arten wirken. Sie kann nostalgisch werden und versuchen, frühere Phänomene möglichst genau zu wiederholen. Oder sie kann zur kritischen Erinnerung werden, die unser heutiges Leben an Gottes damaligem Handeln misst.
Die Erweckung an der Azusa Street in Los Angeles zeigt beides. Ab 1906 kamen unter der Leitung des afroamerikanischen Predigers William J. Seymour Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft, sozialer Stellung und verschiedenen Geschlechts zum gemeinsamen Gottesdienst zusammen. In einer von Rassentrennung geprägten Gesellschaft war das ein starkes Zeichen. Zugleich wurden viele dieser Grenzen in Teilen der Pfingstbewegung später wieder aufgebaut. Die eigene Ursprungsgeschichte garantiert also keine versöhnte Gegenwart. Gerade deshalb muss sie erinnert werden.
Treue Erinnerung fragt nicht zuerst, ob dieselben Manifestationen erneut auftreten. Sie fragt, ob die soziale Wirkung des Geistes unter uns sichtbar wird. Entsteht eine Gemeinschaft, in der Menschen einander hören? Werden bisher übergangene Stimmen ernst genommen? Verlieren Herkunft, Status und Geschlecht ihre Macht, über den Wert und die Berufung eines Menschen zu entscheiden? Wo dies geschieht, wird Pfingsten nicht bloss wiederholt. Es wird in der Gegenwart bezeugt.
Der Gottesdienst als Schule des Verstehens
Theologie bleibt hier nicht bei einer gesellschaftlichen Idee stehen. Sie führt in eine konkrete Praxis. Im Gottesdienst wird christliche Identität eingeübt. Wir hören auf Gott und aufeinander. Wir singen, klagen, erzählen und beten gemeinsam. Menschen empfangen Gaben nicht zur Selbstbestätigung, sondern zum Dienst an anderen. So kann der Gottesdienst zu einem kleinen Modell einer versöhnten Gesellschaft werden.
Während des Krieges zwischen Kroatien und Serbien in den 1990er Jahren entschieden sich kroatische und serbische Pfingstchristen in Stuttgart, weiterhin gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Das löste Misstrauen und Kritik aus. Gerade darin wurde jedoch sichtbar, was eine vom Geist geprägte Identität vermag. Die nationale Zugehörigkeit wurde nicht geleugnet. Aber sie verlor das Recht, aus Glaubensgeschwistern Feinde zu machen.
Solche Versöhnung entsteht nicht automatisch. Gemeinden müssen die Grammatik des Geistes lernen. Dazu gehört, Menschen aus anderen Lebenswelten nicht nur zum Mitmachen einzuladen, sondern ihnen zu erlauben, Formen, Sprache und Leitung mitzuprägen. Eine Kirche spricht die Sprache der anderen erst dann wirklich, wenn deren Stimme auch sie selbst verändern darf.
Welche Sprache müssen wir lernen?
Die Pfingstgeschichte stellt unseren Gemeinden deshalb unbequeme, aber heilsame Fragen:
- Wer muss sich bei uns beständig der Kultur der Mehrheit anpassen?
- Welche Stimmen kommen in Gottesdienst und Leitung kaum zu Wort?
- Verstehen wir die Lebenswelt der Menschen, die wir erreichen möchten, oder kennen wir nur unsere Antworten?
- Können Menschen mit gegensätzlichen politischen Überzeugungen bei uns gemeinsam beten und einander zuhören?
- Wo sprechen wir für andere, statt ihnen Raum zu geben, selbst zu sprechen?
Pfingsten verheisst keine unterschiedslose Gemeinschaft. Der Geist macht aus vielen Menschen nicht eine einheitliche Masse. Er schafft eine Gemeinschaft, in der Unterschiede nicht länger zur Begründung von Überlegenheit und Ausschluss dienen. Einheit entsteht, weil Menschen sich gemeinsam auf Gott beziehen und sich von ihm in die Lebenswelt der anderen senden lassen.
Vielleicht besteht der pfingstliche Beitrag zu einer fragmentierten Gesellschaft deshalb nicht zuerst in lauteren Stimmen oder eindeutigeren Positionen. Vielleicht beginnt er mit einem Wunder des Hörens und Sprechens: Der Heilige Geist lehrt uns eine Sprache, die nicht unsere eigene ist.
Blogartikel
Von Matthias Wenk und Tom Kurt
Zu den Autoren
Dr. Matthias Wenk und Dr. Tom Kurt sind beide Pastoren und Dozenten bei IGW. Sie stehen mitten in der Gemeindepraxis und zugleich in der Theologischen Forschung.
Dieser Blogartikel entfaltet zentrale Gedanken ihres englischsprachigen Fachbeitrags „Identity, Communication and Acts 2: A Pentecostal Contribution Towards the Healing of a Fragmented European Society“, erschienen 2024 im Sammelband „Pentecostal Public Theology“.
Zum wissenschaftlichen Fachbeitrag: Springer Nature
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