Was meine Sicht auf Gemeindebau verändert hat
Eine volle Kirche kann ein Grund zur Freude sein. Sie sagt aber noch wenig darüber aus, ob Menschen Jesus ähnlicher werden. Diese Einsicht hat verändert, wie ich über Erfolg, Jüngerschaft und den Auftrag von Gemeinde denke.
Wenn eine volle Kirche sich wie Erfolg anfühlt
In meiner Zeit als Pastor war es verlockend, den Erfolg unserer Arbeit an Besucherzahlen zu messen. Wenn viele Menschen zum Gottesdienst kamen, fühlte sich das gut an. Eine volle Kirche war sichtbar. Man konnte sie zählen, fotografieren und auf Social Media zeigen. Sie vermittelte das Gefühl, dass sich der Einsatz lohnt und die Gemeinde auf einem guten Weg ist.
Ich halte Besucherzahlen deshalb nicht für bedeutungslos. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Wenn Menschen einen Gottesdienst besuchen, Gottes Wort hören und Gemeinschaft erleben, ist das ein Grund zur Dankbarkeit. Problematisch wird es erst, wenn die Zahl zum Bestätigung dafür wird, dass wir unseren Auftrag erfüllt haben.
Irgendwann wurde mir klar: Eine volle Kirche beantwortet noch nicht die entscheidende Frage. Werden Menschen tatsächlich zu Nachfolgerinnen und Nachfolgern Jesu? Lernen sie, ihm im Alltag zu vertrauen, seine Worte ernst zu nehmen, Verantwortung zu übernehmen und andere auf diesem Weg zu begleiten? Wenn Menschen lediglich unsere Veranstaltungen besuchen, haben wir zunächst mehr Besucher und erstmal „nur“ mehr Arbeit. Aber wir wissen noch nicht, ob geistliche Veränderung entsteht.
Teilnahme ist noch keine Nachfolge
Veranstaltungen können Türen öffnen. Gute Predigten können Orientierung geben. Musik, Kleingruppen, Kinderprogramme und Seelsorge können Menschen tief berühren. Trotzdem macht keines dieser Angebote einen Menschen an sich zum Jünger Jesu. Nachfolge beginnt dort, wo ein Mensch auf Jesus hört und sein Leben auf ihn ausrichtet. Sie zeigt sich nicht nur darin, was jemand besucht oder weiß, sondern darin, wie jemand lebt, liebt und Verantwortung übernimmt.
Mike Breen hat diese Spannung in einem Satz formuliert, der für mich zu einem wichtigen Denkanstoss wurde:
«Wenn wir Jünger machen, ist das Ergebnis immer Gemeinde. Aber wenn wir Gemeinden bauen, kommen dabei nicht immer Jünger heraus.»
Mike Breen
Ich verstehe diesen Satz nicht als mathematische Formel. Gemeinde entsteht nicht einfach von selbst, sobald einige Menschen Jesus nachfolgen. Sie braucht verbindliche Beziehungen, geistliche Leitung, gemeinsame Lehre, Gottesdienst, Abendmahl, Konfliktklärung und verlässliche Strukturen. Breens Satz legt jedoch einen wunden Punkt frei: Wir können viel Energie in eine funktionierende Gemeindeorganisation investieren und trotzdem versäumen, Menschen in eine reife Nachfolge zu führen.
Genau darin liegt die Gefahr. Aus einer guten Veranstaltung kann ein Produkt werden, aus Mitarbeit eine Versorgung dieses Produkts und aus Menschen ein Publikum. Dann fragen wir vor allem, wie viele kommen, wie viele mitarbeiten und wie viel sie geben. Die tiefere Frage gerät aus dem Blick: Was hilft diesen Menschen, Jesus ähnlicher zu werden?
Jüngerschaft und Gemeinde gehören zusammen
Der Missionsauftrag in Matthäus 28,19–20 stellt das Jüngermachen ins Zentrum. Jesus sendet seine Nachfolgerinnen und Nachfolger zu allen Völkern. Sie sollen Menschen taufen und sie lehren, alles zu befolgen, was er geboten hat. Dieser Auftrag zielt nicht auf gelegentliche Teilnahme, sondern auf ein Leben, das von Jesus geprägt wird.
Gleichzeitig ist diese Nachfolge von Anfang an gemeinschaftlich. Wer getauft wird, gehört zu einer neuen Gemeinschaft. Wer Jesu Worte lernt, lernt sie mit anderen und für das gemeinsame Leben. Biblische Jüngerschaft ist deshalb kein individuelles Selbstoptimierungsprogramm. Sie geschieht in der Gemeinde, durch die Gemeinde und für die Sendung der Gemeinde.
Auch Jesu Zusage in Matthäus 16,18 darf nicht zu einer bequemen Arbeitsteilung verkürzt werden: Jesus baut die Gemeinde, während wir uns ausschließlich um einzelne Menschen kümmern. Jesus ist der Herr und Baumeister seiner Gemeinde. Aber er baut sie durch Menschen. Paulus beschreibt sich in 1. Korinther 3,10 als weisen Baumeister, der ein Fundament gelegt hat. Epheser 4 spricht davon, dass Leitungspersonen die Gemeinde zum Dienst befähigen, damit der Leib Christi aufgebaut wird.
Gemeindebau und Jüngerschaft sind deshalb keine konkurrierenden Aufträge. Gemeinde ist die Gemeinschaft, in der Menschen lernen, Jesus nachzufolgen. Und Menschen, die Jesus nachfolgen, übernehmen Verantwortung für diese Gemeinschaft und ihre Sendung. Beides braucht einander.
Menschen sind keine Ressourcen für unsere Vision
Eine zweite Formulierung hat meine Sicht auf Gemeinde geschärft. Die Heart of God Church in Singapur sagt:
«Wir brauchen keine Menschen, um die Kirche zu bauen. Wir brauchen die Kirche, um Menschen zu bauen.»
Heart of God Church, Singapur
Der Satz provoziert, weil Gemeinden natürlich Menschen brauchen. Ohne Menschen gibt es keine Gemeinde. Auch Mitarbeit, Großzügigkeit und Verantwortung sind unverzichtbar. Entscheidend ist jedoch die Richtung: Sind Menschen vor allem Ressourcen für unsere Vision, oder dient unsere Gemeindearbeit dem Leben und der Berufung der Menschen, die Gott uns anvertraut?
Wo wir Menschen hauptsächlich brauchen, um Lücken zu füllen, Programme aufrechtzuerhalten oder Wachstum zu ermöglichen, werden sie leicht zu einem Mittel zum Zweck. Dann wird jemand zuerst als Musikerin, Kleingruppenleiter, Spenderin oder zuverlässiger Helfer wahrgenommen. Die Person hinter der Aufgabe wird zweitrangig. Geistliche Leitung beginnt dagegen mit der Frage, was Gott in diesem Menschen wachsen lassen möchte und wie die Gemeinde ihn dabei begleiten kann. Menschen sind kein Mittel zum Zweck.
Trotzdem ist Gemeinde nicht bloß ein Mittel zur persönlichen Entwicklung. Sie ist Leib Christi, Volk Gottes und Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Programme und Strukturen sind Mittel zum Zweck. Menschen sind es nie. Gemeinde ist die von Jesus gestiftete Gemeinschaft, in der Menschen gemeinsam wachsen, dienen, versöhnt leben und Gottes Sendung teilen.
Was ich heute unter Erfolg verstehe
Meine Konsequenz besteht nicht darin, Besucherzahlen einfach durch eine neue Kennzahl zu ersetzen. Auch die Frage, wie viele Jüngerinnen und Jünger wir gemacht haben, kann zum Leistungsnachweis werden. Geistliche Reife lässt sich nicht vollständig zählen. Sie wird aber sichtbar.
Sie zeigt sich, wenn Menschen Jesus mehr vertrauen als früher. Wenn sie lernen, die Bibel selbst zu lesen und Gottes Reden verantwortlich zu prüfen. Wenn Beziehungen von Liebe, Wahrheit und Versöhnung geprägt werden. Wenn Menschen ihre Gaben einsetzen, den Armen dienen, ihren Glauben im Alltag leben und andere in der Nachfolge begleiten. Und sie zeigt sich, wenn eine Gemeinde nicht nur wächst, sondern reifer, großzügiger, gemeinschaftlicher und missionarischer wird.
Eine volle Kirche kann Teil dieser Geschichte sein. Vielleicht kommen viele Menschen, weil sie dort Jesus begegnen und in eine tragfähige Gemeinschaft hineinwachsen. Dann ist die volle Kirche tatsächlich ein Grund zur Freude. Aber die Fülle des Raumes ist nicht der Erfolg selbst. Sie ist höchstens eine Gelegenheit, Menschen in eine verbindliche Nachfolge einzuladen.
Sieben Fragen an unsere Gemeindearbeit
Seit sich meine Sicht verändert hat, interessieren mich andere Fragen. Sie sind schwieriger zu beantworten als eine Besucherstatistik, aber sie führen näher an den Auftrag Jesu:
- Werden Menschen Jesus ähnlicher? Nicht nur ihr Wissen, sondern auch ihr Umgang mit Zeit, Geld, Konflikten, Macht und Beziehungen sollte von ihm geprägt werden.
- Lernen Menschen, ihren Glauben selbstständig zu leben? Eine reife Gemeinde macht Menschen nicht dauerhaft von ihren Angeboten oder Leitungspersonen abhängig.
- Werden aus Teilnehmenden Mitgestaltende? Nachfolge führt nicht zwangsläufig in eine bestimmte Aufgabe, aber sie weckt die Bereitschaft, Gaben und Verantwortung zum Wohl anderer einzusetzen. Nicht nur in der Gemeinde sondern in dieser Welt mit einer klaren Reich Gottes Perspektive.
- Begleiten Menschen andere in der Nachfolge? Jüngerschaft wird tragfähig, wenn sie nicht nur von einigen Hauptamtlichen ausgeht, sondern durch Beziehungen in der ganzen Gemeinde weitergegeben wird.
- Unterstützen unsere Programme diese Entwicklung? Jede Veranstaltung und jede Struktur sollte einen erkennbaren Beitrag dazu leisten, dass Menschen Gott begegnen, wachsen, Gemeinschaft leben oder gesendet werden.
- Behandeln wir Menschen als Mittel zum Zweck? Unsere Sprache, Erwartungen und Leitungsentscheidungen zeigen, ob uns Menschen wichtiger sind als der reibungslose Betrieb. Einfach gesagt: Träumen wir im Herzen primär von „Größer, besser, schneller, weiter“ oder von „mehr Jesus“?
- Entsteht eine reife, liebende und missionale Gemeinschaft? Jüngerschaft bleibt nicht privat. Sie wird in einer Gemeinde sichtbar, die Versöhnung lebt, Verantwortung teilt und sich den Menschen außerhalb ihrer eigenen Kreise zuwendet.
Der Prüfstein unserer Gemeindearbeit
Heute würde ich den Erfolg einer Gemeinde deshalb nicht an einem Set aus Zahlen festmachen. Ich frage, ob unsere Gottesdienste, Gruppen, Leitungsstrukturen und Beziehungen Menschen dabei helfen, gemeinsam Jesus nachzufolgen. Ich frage, ob wir eine Gemeinschaft gestalten, in der Glaube im Alltag reift und weitergegeben wird. Und ich frage, ob unsere Art von Wachstum den Menschen dient oder ob die Menschen unserem Wachstum dienen müssen.
Eine volle Kirche ist noch kein Erfolg. Aber sie kann ein wunderbarer Anfang sein. Entscheidend ist, was aus der Begegnung entsteht. Werden Menschen nur Konsumenten eines religiösen Angebots, oder werden sie zu Nachfolgerinnen und Nachfolgern Jesu, die gemeinsam seine Gemeinde bilden und sein Evangelium in die Welt tragen?
Diese Frage hat meine Sicht auf Gemeindebau verändert. Sie nimmt Gemeinde nicht weniger ernst, sondern mehr. Denn wir bauen nicht an einer erfolgreichen Organisation. Wir wirken daran mit, dass Menschen Jesus nachfolgen und miteinander zu einer reifen Gemeinde werden.
Impuls für dein Leitungsteam
Nehmt euch in eurer nächsten Leitungssitzung eine der sieben Fragen vor. Welche Frage fordert euch am meisten heraus? Fragt anschließend: Was sollten wir stärken, verändern oder vielleicht auch beenden, damit Menschen bei uns gemeinsam Jesus nachfolgen?
