Warum christliche Einheit mehr braucht als gegenseitige Toleranz
«Ich pfeif drauf, wie du betest.»
Dieser Satz von Claudia Pioch ist mir aus unserem Herzgespräch besonders geblieben. Er fällt, als Claudia von einem Gebetstreffen im Plenarsaal des Reinickendorfer Rathauses erzählt. Christinnen und Christen aus unterschiedlichen Berliner Gemeinden kommen dort zusammen. Manche beten mit erhobenen Händen, andere mit gefalteten. Manche laut und frei, andere ruhig und in vertrauten Worten.
Claudia interessiert in diesem Moment nicht, welcher Gebetsstil der geistlichere ist. Die Gemeinden beten gemeinsam für ihren Bezirk: für die Bürgermeisterin, die Polizei und die Feuerwehr, für ein Altenheim und für konkrete Herausforderungen vor Ort.
Dann sagt sie den Satz, der für mich zum Schlüssel des Gesprächs wurde:
«Einheit im Leib Christi bedeutet, die Spiritualität des anderen zu würdigen.»
Nicht nur auszuhalten. Nicht höflich darüber hinwegzusehen. Zu würdigen.
Das klingt zunächst nach einer kleinen sprachlichen Verschiebung. Tatsächlich stellt es eine anspruchsvolle Frage: Kann ich in einer Form von Frömmigkeit, die mir fremd ist, etwas vom Wirken Gottes erkennen?
Wenn meine Frömmigkeit zur Norm wird
Unsere eigene Spiritualität fühlt sich selten wie eine Möglichkeit unter mehreren an. Sie fühlt sich normal an.
Wer mit freien Gebeten aufgewachsen ist, kann ein geschriebenes Gebet als unpersönlich empfinden. Wer durch Liturgie geprägt wurde, erlebt spontane Gebete vielleicht als ungeordnet oder oberflächlich. In einer Gemeinde gilt Stille als ehrfürchtig, in einer anderen als leblos. Die einen erwarten, dass Gottes Geist überraschend eingreift. Die anderen vertrauen darauf, dass er gerade durch überlieferte Worte, feste Rhythmen und jahrhundertealte Formen wirkt.
Jede Prägung macht uns für bestimmte Seiten des Glaubens aufmerksam. Und jede Prägung kann andere Seiten ausblenden.
Das Problem beginnt, wenn ich das Vertraute unbemerkt mit dem Biblischen verwechsle. Dann ist nicht nur mein Musikstil angenehmer, sondern geistlicher. Nicht nur meine Art zu beten entspricht mir mehr, sondern angeblich auch Gott. Aus einer gewachsenen Form wird ein Massstab, an dem ich die Glaubenstiefe anderer beurteile.
So kann selbst dort Konkurrenz entstehen, wo wir alle Jesus nachfolgen möchten.
Tolerieren ist noch nicht würdigen
Toleranz sagt: Du darfst anders glauben und beten als ich.
Würdigung fragt: Was hat Gott dir geschenkt, das ich bei mir vielleicht zu wenig kenne?
Claudia kommt aus einer landeskirchlichen Gemeinschaft und lebt seit vielen Jahren in einer stark charismatisch geprägten Freikirche. Sie kann sich für prophetisches Reden begeistern und zugleich ein Ikonenmuseum besuchen. Sie erzählt von einer alten Frau in einer landeskirchlichen Gemeinschaft, deren Gebet sie tief beeindruckte. Und von einem Altarbild in einer Baptistengemeinde, auf dem Jesus nicht in Jerusalem, sondern durch das Brandenburger Tor in Berlin einzog.
Claudia muss dafür ihre eigene geistliche Heimat nicht verleugnen. Sie wird nicht weniger charismatisch, weil sie die Tiefe eines liturgischen Gebets erkennt. Sie muss nicht jede theologische Überzeugung einer anderen Gemeinde übernehmen, um von ihrer Treue, ihrer Ehrfurcht oder ihrer Kreativität zu lernen.
Genau hier liegt der Unterschied: Toleranz kann auf Abstand bleiben. Würdigung kommt näher. Sie hört zu, bevor sie urteilt. Sie sucht nicht zuerst nach dem, was fremd oder defizitär wirkt, sondern nach der Gabe, die Gott dieser Gemeinschaft anvertraut hat.
Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Was machen die anderen anders? Sondern: Was sehen sie von Gott, das mir leicht entgeht?
Vielleicht erinnert mich eine liturgische Gemeinde daran, dass der Glaube grösser ist als meine momentane Stimmung. Vielleicht zeigt mir eine charismatische Gemeinde, dass der Heilige Geist kein theologischer Zusatz ist, sondern gegenwärtig führt und wirkt. Vielleicht lehrt mich eine alte Kirche Ehrfurcht, eine junge Gemeinde Erwartung, eine diakonische Gemeinschaft Barmherzigkeit und eine bibelorientierte Tradition die sorgfältige Arbeit am Text.
Keine dieser Stärken ist exklusiv. Aber manche Traditionen haben bestimmte Wahrheiten über Generationen besonders aufmerksam bewahrt.
Vielfalt ist kein Defekt des Leibes
Paulus beschreibt die Gemeinde in 1. Korinther 12 als einen Leib mit vielen Gliedern. Der Fuss muss nicht zur Hand werden, und das Auge darf nicht behaupten, den übrigen Körper nicht zu brauchen.
Wir lesen dieses Bild häufig im Blick auf persönliche Begabungen. Doch es hilft auch beim Nachdenken über Gemeinden und geistliche Prägungen. Vielfalt ist im Leib Christi nicht bloss ein bedauerlicher Zustand, den wir bis zur vollkommenen Einigkeit ertragen müssen. Unterschiedlichkeit gehört zu seiner Gestalt.
Das bedeutet nicht, dass jede kirchliche Trennung gut oder jede Tradition gesund wäre. Manche Unterschiede sind aus Verletzungen, Machtkämpfen und gegenseitigen Abwertungen entstanden. Auch Claudia spricht davon, dass Gemeinden einander beschädigt haben, weil ihnen im Umgang miteinander Weisheit und Liebe fehlten.
Gerade deshalb ist Würdigung mehr als ein freundlicher Stil. Sie widerspricht der Versuchung, die eigene Gemeinde für den ganzen Leib zu halten.
Ein Körper, in dem jedes Glied gleich wäre, wäre nicht besonders einig. Er wäre handlungsunfähig. Christliche Einheit ist keine Gleichförmigkeit. Sie entsteht, wenn unterschiedliche Glieder sich Christus zugehörig wissen, einander brauchen und gemeinsam seinem Auftrag dienen.
Würdigung braucht Urteilsfähigkeit
Die Spiritualität des anderen zu würdigen bedeutet nicht, alle Unterschiede für unwichtig zu erklären.
Einheit hat ein klares Zentrum: Jesus Christus und die gemeinsame Ausrichtung auf ihn. Christen dürfen und müssen über Bibelauslegung, Lehre, Ethik und Gemeindepraxis ringen. Nicht jede Überzeugung ist gleich tragfähig. Nicht jede geistliche Praxis ist automatisch hilfreich, nur weil sie ehrlich gemeint ist.
Aber auch das Prüfen kann in zwei sehr unterschiedlichen Haltungen geschehen.
Ich kann eine andere Tradition untersuchen, um möglichst schnell zu beweisen, warum meine eigene überlegen ist. Oder ich kann aufmerksam und urteilsfähig fragen: Was entspricht dem Geist Christi, wie er uns in der Schrift begegnet? Was kann ich anerkennen? Wo habe ich Fragen? Und wo brauche ich vielleicht sogar eine Korrektur durch Geschwister, deren Frömmigkeit mir zunächst fremd erscheint?
Würdigung ist deshalb nicht das Ende theologischer Unterscheidung. Sie ist eine Haltung, in der Unterscheidung ohne Überheblichkeit möglich wird.
Ein gemeinsamer Auftrag verändert das Gespräch
Claudias Gebetstreffen in Reinickendorf zeigt noch etwas: Einheit wächst nicht allein dadurch, dass Christen über Einheit sprechen.
Die Gemeinden kommen zusammen, weil sie ihren Bezirk lieben. Sie fragen die Bürgermeisterin, wo sie Gebet braucht. Sie nehmen wahr, was in ihrer Umgebung geschieht. Und dann bringen sie diese Anliegen gemeinsam vor Gott.
Der gemeinsame Auftrag rückt manche Unterschiede in ein neues Verhältnis. Wer nebeneinander für dieselben Menschen betet, sieht im anderen nicht mehr zuerst den Konkurrenten um Mitglieder, Aufmerksamkeit oder Einfluss. Aus «deren Gemeinde» werden Geschwister, die Verantwortung für denselben Ort tragen.
Jesus betet in Johannes 17 um die Einheit seiner Jünger und verbindet sie mit der Glaubwürdigkeit ihres Zeugnisses vor der Welt. Einheit ist deshalb nicht nur für unser innerkirchliches Wohlbefinden da. Sie soll etwas von Christus sichtbar machen.
Das geschieht nicht, wenn alle Gemeinden ihr Profil verlieren. Es geschieht, wenn ihre unterschiedlichen Gaben nicht länger gegeneinander arbeiten, sondern gemeinsam den Menschen dienen.
Einheit wird konkret, wenn wir aufhören, einander zu vergleichen, und beginnen, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.
Vielleicht ist deshalb eine der besten Fragen an Gemeinden nicht: Wo sind wir uns in allem einig? Sondern: Welche Not an unserem Ort ruft uns gemeinsam zum Beten und Handeln?
Theologische Bildung sollte den Horizont weiten
An IGW studieren Menschen aus unterschiedlichen Gemeinden, Denominationen und geistlichen Prägungen. Das ist nicht immer bequem. Im Unterricht begegnen Studierende Auslegungen, Gottesbildern und Formen von Gemeinde, die sie aus ihrem eigenen Umfeld kaum kennen.
Ein Theologiestudium sollte die eigene Überzeugung nicht einfach auflösen. Es soll helfen, sie zu verstehen, biblisch zu prüfen und begründet zu vertreten. Aber es sollte uns ebenso zeigen, wo wir unsere persönliche oder gemeindliche Prägung vorschnell mit dem christlichen Glauben selbst verwechselt haben.
Dazu braucht es mehr als Informationen über andere Traditionen. Es braucht Begegnung.
Im dualen Studium gehört deshalb die konkrete Gemeindepraxis zum theologischen Lernen. Studierende erleben, wie Überzeugungen Gottesdienste prägen, wie Spiritualität Menschen formt und wie Theologie in Leitung, Seelsorge und Mission wirksam wird. Zugleich begegnen sie am Studienstandort Menschen, die dieselbe Liebe zu Jesus in einer anderen geistlichen Sprache ausdrücken.
Theologische Reife zeigt sich nicht nur daran, dass ich meine Position gut erklären kann. Sie zeigt sich auch daran, dass ich eine andere Position fair wiedergeben, ihre Stärke erkennen und begründet sagen kann, wo ich nicht mitgehe.
Vielleicht lernen wir gerade so etwas über den Leib Christi, das in der eigenen Gemeinde unsichtbar bleiben würde.
Mit welcher Frage besuche ich die andere Gemeinde?
Nach dem Gespräch mit Claudia frage ich mich, mit welcher Haltung ich einen Gottesdienst besuche, der nicht meinem Geschmack entspricht.
Suche ich nach dem ersten Lied, dem ersten Satz oder der ersten Handlung, die mein Urteil bestätigt? Oder betrete ich diesen Raum mit der Erwartung, dort Geschwistern zu begegnen, in denen Christus lebt?
Drei Fragen könnten helfen:
- Was liebt diese Gemeinde an Gott besonders?
- Welche Wahrheit lebt sie so, dass ich von ihr lernen kann?
- Wo fordert ihre Spiritualität meine eigenen blinden Flecken heraus?
Vielleicht bleibt mir manches weiterhin fremd. Vielleicht widerspreche ich an wichtigen Stellen. Würdigung verlangt nicht, die eigene Überzeugung an der Tür abzugeben.
Aber möglicherweise entdecke ich in gefalteten Händen eine Treue, die mir fehlt. In erhobenen Händen eine Erwartung, die ich verloren habe. In einer alten Liturgie Worte, die mich tragen, wenn mir selbst keine einfallen. Oder in einem freien Gebet eine Nähe zu Gott, nach der ich mich sehne.
Du musst nicht so beten wie ich.
Aber ich möchte lernen, Christus auch in deiner Art zu beten zu erkennen.
Die ganze Folge ansehen
Im vollständigen Herzgespräch spreche ich mit Claudia Pioch über ihre Arbeit am IGW-Standort Berlin, die Würde jedes Menschen, praktische Barmherzigkeit und die Einheit unterschiedlicher Gemeinden. Interview auf YouTube ansehen
Claudia und den Standort Berlin kennenlernen
Claudia Pioch leitet den IGW-Standort Berlin. Dort studieren Menschen Theologie in einer vielfältigen Grossstadt und verbinden gemeinsames Lernen mit gelebter Gemeindepraxis. Mehr über den IGW-Standort Berlin erfahren
Theologie dual studieren
Im dualen IGW-Theologiestudium werden fundiertes theologisches Lernen, konkrete Gemeindepraxis und persönliche Entwicklung miteinander verbunden. Mehr über das Bachelorstudium bei IGW erfahren