Warum Menschen in geistlicher Verantwortung verlässliche Weggefährten brauchen
Was nach 25 Jahren bleibt
Was bleibt von einem Theologiestudium, wenn die Prüfungen längst geschrieben und die Bücher wieder im Regal stehen? Fachwissen und Kompetenzen hoffentlich. Eine theologische Orientierung. Vielleicht auch eine Aufgabe, in die ein Mensch hineingewachsen ist. Manchmal bleibt aber noch etwas anderes, dessen Wert sich erst mit den Jahren zeigt: Menschen, die den eigenen Weg kennen und ihn weiter mitgehen.
Matthias Langhans, Daniel Badertscher, Dominic Prétat und Christian Defila haben vor gut 25 Jahren ihr Studium bei IGW abgeschlossen. Seit ihrem Abschluss treffen sie sich alle drei Monate für einen halben Tag. Einmal im Jahr nehmen sie sich zwei Tage mit Übernachtung. Sie sprechen über ihren Glauben, ihre Leitungsverantwortung und ihren Alltag. Sie beten miteinander und lassen einander in ihr Leben sprechen.
In diesen 25 Jahren haben sich ihre Aufgaben, Wohnorte und Verantwortungsbereiche verändert. Die Freundschaft ist geblieben. Zweimal fragten sie sich, ob ihre regelmäßigen Treffen noch nötig seien. Gerade diese Fragen halfen ihnen zu erkennen, was sie zusammenhält. Es war nicht mehr ein bestimmter Zweck. Es waren das Vertrauen, die Beziehung und die Freiheit, voreinander ehrlich sein zu können.
Diese Geschichte hat mich beschäftigt. Sie erzählt nicht nur von vier gelungenen Freundschaften. Sie zeigt etwas, das für geistliche Leiterschaft und auch für ein theologisches Studium zentral ist: Wir brauchen Menschen, die uns nicht nur in unserer Funktion kennen. Menschen, die unsere Geschichte verstehen, unsere blinden Flecken sehen und uns auch dann nahebleiben, wenn unser Weg schwierig wird.
Leiterschaft kann einsame Momente hervorbringen
Wer leitet, trägt Verantwortung. Manche Entscheidungen lassen sich nicht delegieren. Manchmal hat ein Leiter Informationen, über die er nicht frei sprechen darf. Und manchmal muss eine Leiterin einen Schritt gehen, obwohl noch nicht alle anderen davon überzeugt sind. Solche Momente können einsam sein.
Aus einzelnen einsamen Momenten kann jedoch allmählich eine einsame Lebensweise werden. Menschen sehen dann vor allem den Pastor, die Gemeindeleiterin, den Verantwortlichen oder die Rektorin. Sie begegnen der Funktion, aber immer weniger dem Menschen. Je größer die Verantwortung wird, desto kleiner kann der Kreis derer werden, vor denen keine Stärke dargestellt werden muss.
Nicht jede Belastung gehört in jedes Gespräch. Vertraulichkeit und Loyalität bleiben wichtig. Daraus darf aber nicht der Schluss entstehen, Menschen in geistlicher Verantwortung müssten alles allein tragen. Auch die Ehepartnerin oder der Ehepartner sollte nicht die einzige Person sein, die sämtliche Spannungen des Dienstes mitträgt. Eine Ehe kann durch tragfähige Freundschaften entlastet und gestärkt werden.
Leiterschaft kann einsame Momente kennen. Aber Einsamkeit darf nicht zur Lebensform von Menschen in Leitungsverantwortung werden. |
Warum ich an eine Seilschaft denke
Wenn ich darüber nachdenke, kommt mir das Bild einer Seilschaft beim Bergsteigen in den Sinn. Eine Gruppe ist gemeinsam unterwegs. Sie kennt die Richtung und will dasselbe Ziel erreichen. Trotzdem muss jeder die eigenen Schritte gehen. Niemand kann für den anderen gehen, die Anstrengung übernehmen oder schwierige Entscheidungen abnehmen.
Aber die Bergsteiger sind miteinander verbunden. Das Seil ist nicht erst dann da, wenn einer abrutscht. Sie haben sich vorher aneinandergebunden. Gerade darin liegt seine Bedeutung. Wenn ein Mensch den Halt verliert, muss sein Sturz nicht zum Absturz werden.
Auch wer vorausgeht, bleibt Teil der Seilschaft. Der Erste am Berg steht nicht unabhängig über den anderen. Er trägt besondere Verantwortung und ist zugleich selbst darauf angewiesen, gesichert zu sein. Auf geistliche Leiterschaft übertragen bedeutet das: Voranzugehen ist nicht dasselbe wie unverbunden vorauszugehen.
Natürlich hat das Wort Seilschaft auch eine negative Bedeutung. Es kann ein geschlossenes Netzwerk bezeichnen, in dem Menschen einander Einfluss oder Positionen sichern. Darum geht es hier nicht. Eine geistliche Seilschaft schützt keine Macht. Sie hilft Menschen, ihrer Berufung treu zu bleiben.
Auch das Ziel muss klar sein. Menschen in geistlicher Verantwortung sind nicht miteinander verbunden, um gemeinsam den Gipfel von Erfolg oder Sichtbarkeit zu erreichen. Das Ziel ist Treue: Christus ähnlicher zu werden, die eigene Berufung verantwortungsvoll zu leben und den anvertrauten Menschen gut zu dienen.
Der andere nimmt mir den Aufstieg nicht ab. Aber er kann verhindern, dass mein Sturz zum Absturz wird. |
Gott trägt uns durch andere
„Ein Freund liebt allezeit, und ein Bruder wird für die Not geboren.“ Sprüche 17,17 |
Der Vers spricht nicht nur von Sympathie. Er beschreibt eine Beziehung, die gerade dann ihre Bedeutung zeigt, wenn das Leben schwer wird. Ein Freund bleibt nicht nur in erfolgreichen Zeiten. In der Not wird sichtbar, wie tief eine Verbindung trägt.
Prediger 4 beschreibt denselben Gedanken: Zwei sind besser daran als einer allein. Wenn einer fällt, hilft der andere ihm auf. Am Ende steht das Bild einer dreifachen Schnur, die nicht so schnell zerreißt. Dieses Bild passt erstaunlich gut zu einer Seilschaft. Tragfähigkeit entsteht dort, wo Menschen sich verbinden und Verantwortung füreinander übernehmen.
Das stellt Gottes Fürsorge nicht neben die Hilfe anderer Menschen, als müssten wir uns zwischen beidem entscheiden. Gott trägt uns. Aber häufig erfahren wir seine tragende Hand durch Menschen, die er uns an die Seite stellt. Sie beten, wenn uns selbst die Worte fehlen. Sie erinnern uns an unsere Berufung, wenn wir sie nur noch als Belastung wahrnehmen. Sie hören zu, widersprechen und bleiben.
Leiterinnen und Leiter sind deshalb nicht nur dazu berufen, andere zu tragen. Zur geistlichen Reife gehört auch die Bereitschaft, sich selbst tragen zu lassen.
Eine Seilschaft entsteht vor dem Absturz
In einer Krise wünschen wir uns Menschen, bei denen wir ohne lange Erklärungen ehrlich sein können. Solches Vertrauen lässt sich jedoch nicht kurzfristig herstellen. Eine tragfähige Beziehung entsteht durch gemeinsam verbrachte Zeit, durch bewährte Verlässlichkeit und durch Gespräche, in denen die Oberfläche verlassen werden durfte.
Genau deshalb beeindruckt mich der feste Rhythmus der vier IGW Absolventen. Sie treffen sich nicht nur, wenn einer ein Problem meldet. Ihre Gemeinschaft besteht unabhängig davon, ob gerade eine Krise vorliegt. Die regelmäßigen halben Tage schaffen Kontinuität. Die jährlichen Wochenenden eröffnen eine Tiefe, die in einem kurzen Gespräch kaum entsteht. Auch gemeinsame Erlebnisse, Humor und zweckfreie Zeit gehören dazu. Eine Seilschaft wird nicht erst geknüpft, wenn jemand bereits fällt. Sie muss vorher bestehen.
Was eine tragfähige Seilschaft braucht
Gemeinsame Richtung, nicht gleiche Meinung. Eine geistliche Seilschaft braucht eine gemeinsame Orientierung. Ihre Mitglieder müssen aber nicht dieselbe Aufgabe haben oder jede theologische und strategische Frage gleich beurteilen. Gerade unterschiedliche Perspektiven helfen, blinde Flecken zu erkennen. Gleichgesinnt bedeutet nicht gleichdenkend.
Ehrlichkeit ohne Inszenierung. Leiterinnen und Leiter brauchen Räume, in denen sie nicht zuerst erklären müssen, warum alles doch irgendwie gut läuft. Zweifel, Enttäuschungen, Konflikte, Ehefragen und Überforderung müssen ausgesprochen werden dürfen, ohne dass der eigene Ruf auf dem Spiel steht.
Das Recht zu widersprechen. Gute Freunde bestätigen nicht jede Entscheidung. Sie stellen Fragen, spiegeln Wahrnehmungen und sprechen Dinge an, die andere vielleicht nicht anzusprechen wagen. Eine Seilschaft, die nur gegenseitige Bestätigung bietet, kann selbst zur Gefahr werden.
Verbindlichkeit. Tiefe Beziehungen entstehen selten nur aus spontaner Sympathie. Sie brauchen Zeit und einen geschützten Platz im Kalender. Ein regelmäßiger Rhythmus macht sichtbar: Diese Menschen und diese Gespräche sind nicht bloß wichtig, wenn gerade etwas übrig bleibt.
Gebet und gemeinsames Leben. Eine geistliche Seilschaft spricht nicht nur über Probleme. Sie bringt einander vor Gott. Gleichzeitig darf sie lachen, unterwegs sein und zweckfreie Zeit genießen. Freundschaft besteht nicht nur aus gegenseitiger Krisenbegleitung.
Beziehungen jenseits der Funktion. Entscheidend ist, dass nicht nur über Projekte, Predigten und Organisationen gesprochen wird. Eine Seilschaft sieht den Menschen hinter der Aufgabe. Sie interessiert sich dafür, wie es seinem Glauben, seiner Ehe, seiner Familie und seiner Seele geht.
Was das für ein Theologiestudium bedeutet
Theologie kann man in vielem selbstständig studieren. Aber man kann sie nicht gesund in Isolation leben. Wir verstehen Gottes Wort nicht nur, indem wir Texte lesen und Prüfungen bestehen. Wir brauchen andere Menschen, die unsere Gedanken prüfen, unsere Perspektive erweitern.
Ein Studium bringt Menschen zusammen, die ähnliche Fragen bewegen und die in eine ähnliche Richtung unterwegs sind. Daraus entsteht nicht automatisch eine lebenslange Seilschaft. Eine Lerngruppe kann sachlich funktionieren, ohne dass Menschen einander wirklich kennenlernen. Aber das Studium kann der Ort sein, an dem Vertrauen beginnt.
Darum gehören persönliche Begegnungen, Mentoring, gemeinsame Praxis, Gebet und ehrlicher Austausch nicht an den Rand theologischer Bildung. Sie sind Teil davon. Wir bilden nicht nur Menschen aus, die später Verantwortung übernehmen können. Wir wollen Leiterinnen und Leiter darin stärken, Verantwortung gemeinsam mit anderen zu tragen.
Vielleicht zeigt sich die langfristige Wirkung eines Studiums deshalb nicht nur darin, welche Abschlüsse seine Absolventen erreichen. Sie zeigt sich auch darin, welche Beziehungen sie 25 Jahre später noch tragen.
Wer hält dein Seil?
Nicht jeder braucht eine große Gruppe. Wenige verlässliche Menschen können ausreichen. Entscheidend ist nicht, ob wir diese Gemeinschaft Seilschaft, Freundeskreis oder Weggemeinschaft nennen. Entscheidend ist, ob es Menschen gibt, mit denen wir wirklich verbunden sind.
Darum lohnt es sich, nicht erst auf die nächste Krise zu warten. Einige Fragen können helfen, die eigene Situation ehrlich anzusehen:
Wer kennt mich jenseits meiner Funktion?
Vor wem muss ich nicht stark sein?
Wer darf mir widersprechen und meine blinden Flecken ansprechen?
Wen rufe ich an, wenn Glaube, Ehe oder Dienst schwer werden?
Für wen halte ich selbst das Seil?
Die vier ehemaligen IGW Studenten haben ihre Seilschaft nicht durch ein besonderes Programm erhalten. Das Studium hat sie zusammengebracht. Danach haben sie ihre Verbindung über 25 Jahre bewusst gepflegt. Sie haben einander Zeit gegeben, einander zugehört, miteinander gebetet und gemeinsame Erfahrungen gesammelt.
Wer geistlich leitet, muss die eigenen Schritte gehen. Niemand kann für uns glauben, entscheiden, um Vergebung bitten oder unserer Berufung treu bleiben. Aber wir müssen diesen Weg nicht ungesichert gehen. Wir brauchen Menschen, die uns kennen, für uns beten, uns widersprechen und uns auffangen.
Leiterschaft muss nicht einsam sein. Sie braucht Menschen, die sich miteinander ans Seil nehmen. |
Zum Hintergrund
Der Artikel greift die Geschichte „Freundschaften unter Leitern“ aus IDEA Schweiz 4/2026 auf und reflektiert sie aus der persönlichen Perspektive von Daniel Janzen. Die Geschichte erschien am 21. Januar 2026 auf den Seiten 14 und 15.