Wie KI die Predigtvorbereitung unterstützen kann, ohne den geistlichen Weg des Predigers zu ersetzen
Von Micha Lionel Gunkel
Der Cursor blinkt. Der Sonntag rückt näher. Ein einziger Prompt genügt und wenige Sekunden später erscheint ein erstaunlich brauchbarer Predigtentwurf: biblisch, klar gegliedert, mit Einleitung, drei Predigtpunkten und konkreten Anwendungen.
Das eigentliche Problem ist vielleicht nicht, dass diese Predigt schlecht wäre. Das Problem ist, dass ich den Weg zu dieser Predigt nicht gegangen bin.
Genau darin liegt für mich die entscheidende Frage beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Predigtvorbereitung: Geht es nur darum, am Ende einen guten Text zu haben? Oder gehört der Weg, auf dem eine Predigt entsteht, wesentlich zur Predigt selbst?
In meiner Bachelorarbeit habe ich untersucht, wie KI die Predigtvorbereitung verändert. Dabei wurde mir deutlich: Die entscheidende Grenze verläuft nicht einfach zwischen Predigenden, die KI verwenden, und solchen, die darauf verzichten. Entscheidend ist, welche Rolle wir der KI überlassen und ob wir selbst das geistliche Subjekt unserer Vorbereitung bleiben.
Eine gute Predigt kann aus einem schlechten Vorbereitungsprozess entstehen
Ein System mit künstlicher Intelligenz kann heute Texte erzeugen, die sorgfältig, theologisch fundiert und sogar persönlich klingen. Es kann passende Bibelstellen einbauen, einen roten Faden entwickeln und Anwendungen formulieren, die auf den ersten Blick lebensnah wirken. Wer nur das Ergebnis beurteilt, kann leicht zu dem Schluss kommen: Wenn die Predigt gut ist, kann auch an ihrer Entstehung nichts falsch sein.
Doch eine Predigt ist mehr als ein gelungenes Produkt. Sie soll aus einer gründlichen Auseinandersetzung mit dem biblischen Text entstehen. Wer predigt, soll sich selbst unter dieses Wort stellen, auf Gottes Geist hören und die konkrete Gemeinde vor Augen haben. Die Predigtvorbereitung ist deshalb nicht nur der Weg zu einem Text. Sie ist ein theologischer und geistlicher Prozess mit einem eigenen Wert.
KI kann eine Art Scheingründlichkeit erzeugen. Das Ergebnis sieht durchdacht aus, obwohl der eigene Erkenntnisweg möglicherweise gar nicht stattgefunden hat. Von außen ist nicht erkennbar, ob die Auslegung selbst erarbeitet wurde, ob der Text den Prediger getroffen hat und ob die Anwendungen aus der Liebe zu konkreten Menschen gewachsen sind.
Deshalb genügt die Frage nicht: Ist diese Predigt gut? Wir müssen auch fragen: Ist diese Predigt durch den Prediger hindurchgegangen?
Prozessbegleitung oder Ergebnislieferung?
Für die Beurteilung von KI in der Predigtvorbereitung hilft eine grundlegende Unterscheidung. KI kann meinen Erkenntnisprozess begleiten oder mir fertige Ergebnisse liefern.
Als Prozessbegleiterin tritt sie zu einer Arbeit hinzu, die ich selbst bereits begonnen habe. Ich habe einen biblischen Text gelesen, erste Beobachtungen gemacht und eine eigene Auslegung entwickelt. Nun bitte ich die KI um zusätzliche Parallelstellen, um kritische Rückfragen oder um eine Prüfung meiner Gliederung. Vielleicht lasse ich mir zeigen, welche Perspektiven ich übersehen haben könnte. Die Antworten sind Impulse, die ich anhand des biblischen Textes und verlässlicher Quellen prüfe.
Auch in der längerfristigen Predigtplanung kann KI hilfreich sein. Sie kann auf Themen oder biblische Bücher hinweisen, die in den vergangenen Jahren kaum vorkamen. Sie kann helfen, eine Predigtreihe übersichtlich zu strukturieren oder bereits entwickelte Inhalte sprachlich klarer zu formulieren. In all diesen Fällen denke, prüfe und entscheide weiterhin ich selbst.
Anders ist es, wenn KI zur Ergebnislieferantin wird. Dann lautet der erste Schritt nicht mehr: Ich lese, beobachte, bete und ringe. Stattdessen lautet er: Erstelle mir eine vollständige Exegese. Entwickle mir eine Gliederung. Formuliere passende Anwendungen. Schreibe mir ein Predigtmanuskript.
Der Unterschied liegt nicht in der Länge des Prompts und auch nicht allein in der Menge des übernommenen Textes. Er liegt darin, wer den eigentlichen Erkenntnisweg geht. Bleibt der Prediger der primäre Erkenntnisträger oder wird er zum Redakteur eines Ergebnisses, das ein System für ihn hervorgebracht hat?
Natürlich gibt es zwischen diesen beiden Polen viele Mischformen. Ein Vorschlag der KI kann zum Ausgangspunkt eines intensiven eigenen Ringens werden. Ebenso kann eine scheinbar kleine Hilfestellung einen wichtigen Denkschritt ersetzen. Deshalb hilft keine starre Liste erlaubter und verbotener Anwendungen. Entscheidend ist, ob ich mir etwas aneigne oder ob ich es nur übernehme.
Der Weg ist ein Teil des Ergebnisses
Besonders deutlich wird das bei der Predigtmeditation. Damit ist nicht bloß stilles Nachdenken gemeint. Predigtmeditation bedeutet, den ausgelegten Bibeltext betend ins eigene Leben und in die Lebenswelt der Gemeinde hineinzunehmen.
Ich frage: Wo stellt dieses Wort mich infrage? Was muss es zuerst in mir verändern, bevor ich es anderen sage? Welche Menschen werden diese Botschaft hören? Welche Hoffnung, welche Verletzungen und welche Widerstände bringen sie mit? Was möchte Gott durch diesen Text in unserer konkreten Situation tun?
Für solche Fragen braucht es Zeit, Gebet und innere Ruhe. Der Text muss nicht nur verstanden, sondern angeeignet werden. Genau hier lässt sich der Weg nicht vom Ergebnis trennen. Eine Gliederung kann mir jemand übergeben. Persönliche Betroffenheit kann mir niemand liefern. Eine historische Information kann ich übernehmen. Die geistliche Bewegung vom distanzierten Beobachter zum selbst Angesprochenen muss ich selbst vollziehen.
Wer diesen Weg abkürzt, spart deshalb nicht nur Arbeit. Er lässt möglicherweise einen Teil dessen aus, was eine Predigt überhaupt zu einer geistlichen Predigt macht.
Was sich nicht delegieren lässt
KI kann Informationen verarbeiten, Muster erkennen, Formulierungen vergleichen und überraschende Verbindungen vorschlagen. Sie kann aber nicht beten. Sie kann nicht auf den Heiligen Geist hören. Sie kann nicht vom biblischen Wort getroffen werden, eigene Schuld erkennen oder Hoffnung empfangen. Sie kennt meine Gemeinde nicht aus gelebter Beziehung und liebt die Menschen nicht, zu denen ich spreche.
Das bedeutet nicht, dass jeder technische Arbeitsschritt von Hand erledigt werden muss. Es bedeutet aber, dass bestimmte Kernvollzüge nicht delegierbar sind: die persönliche Anwendung des Wortes, das Gebet, das Hören auf Gottes Geist und die seelsorgerliche Verantwortung für konkrete Menschen.
Gerade bei der Hörerorientierung zeigt sich eine weitere Grenze. Eine KI kennt nur das, was ich ihr mitteile. Doch seelsorgerliches Wissen ist sensibel. Namen wegzulassen genügt nicht immer, denn auch anonymisierte Beschreibungen können Menschen in kleinen Gemeindekontexten erkennbar machen. Die pastorale Verschwiegenheit endet nicht an der Eingabezeile eines solchen Systems.
Kann der Heilige Geist trotzdem durch einen von KI erzeugten Text wirken?
Gott ist souverän. Er ist nicht an unsere bevorzugten Methoden gebunden. Deshalb wäre es theologisch anmaßend zu behaupten, der Heilige Geist könne einen von KI erzeugten Satz niemals gebrauchen. Ein solcher Satz kann eine Frage aufwerfen, einen Gedanken anstoßen oder einen Menschen treffen. Gott kann sich auch eines unvollkommenen Mediums bedienen.
Doch daraus folgt nicht, dass wir unseren geistlichen Auftrag an dieses Medium delegieren dürfen. Die Möglichkeit, dass Gott etwas gebraucht, legitimiert nicht automatisch den Prozess, durch den es entstanden ist.
Der Geist kann durch einen von KI erzeugten Text wirken. Die KI kann aber nicht an meiner Stelle beten, hören und gehorchen. Sie kann nicht den Weg gehen, auf dem das Wort Gottes mich erfasst und verändert. Wenn ich einen Text vortrage, der nicht durch mich hindurchgegangen ist, setze ich Gottes Wirken keine Grenze. Ich lasse aber eine wesentliche Dimension meines eigenen Auftrags aus.
Werkzeug, Krücke oder Prothese?
Für den praktischen Umgang mit KI helfen mir drei Bilder.
Als Werkzeug erweitert KI meine Fähigkeiten, ohne sie zu ersetzen. Sie unterstützt meine Recherche, stellt Rückfragen oder prüft einen bereits erarbeiteten Aufbau.
Als Krücke kompensiert sie vorübergehend ein Defizit. In einer außergewöhnlich belastenden Woche mag das nachvollziehbar sein. Doch eine Krücke ist nicht dazu gedacht, unbemerkt zum Dauerzustand zu werden.
Als Prothese ersetzt KI dauerhaft Fähigkeiten, die ich selbst nicht mehr ausübe. Ich verlerne, einen Text gründlich zu durchdringen, eine eigene Gliederung zu entwickeln oder um eine Botschaft zu ringen. Dann entsteht ein gefährlicher Kreislauf: Je weniger ich selbst übe, desto abhängiger werde ich. Zugleich verliere ich genau das Urteilsvermögen, das ich brauche, um die Ergebnisse der KI noch verantwortlich prüfen zu können.
Die Entwicklung vom Werkzeug über die Krücke zur Prothese geschieht meist nicht bewusst. Gerade deshalb braucht es Wachsamkeit und feste geistliche Gewohnheiten.
Vier Fragen vor der nächsten Predigt
Statt zuerst nach einer allgemeinen Erlaubnis oder einem Verbot zu fragen, können vier Fragen den eigenen Umgang mit KI prüfen:
- Habe ich den biblischen Text selbst gründlich durchdrungen?
- Hat mich die Vorbereitung geistlich verändert?
- Spricht diese Predigt wirklich in die Lebenswelt meiner Gemeinde hinein?
- Ist sie in Gebet und im Hören auf den Heiligen Geist gewachsen?
Wer eine dieser Fragen verneinen muss, sollte nicht nur den Einsatz von KI überprüfen, sondern den gesamten Vorbereitungsprozess. Die entscheidende Frage lautet am Ende: Kann ich jede Aussage dieser Predigt vor Gott und meiner Gemeinde als Ergebnis meines eigenen theologischen und geistlichen Ringens vertreten?
Theologische Ausbildung wird durch KI wichtiger
Verantwortungsvoll mit KI umzugehen beginnt nicht mit möglichst ausgefeilten Prompts. Es beginnt mit der Fähigkeit, einen Bibeltext selbst auszulegen, theologische Aussagen zu beurteilen und eine Gemeinde geistlich wahrzunehmen.
Wer nicht gelernt hat, sorgfältig zu exegetisieren, erkennt auch eine überzeugend formulierte Fehlauslegung nur schwer. Und wer den geistlichen Weg der Predigtvorbereitung nie eingeübt hat, merkt möglicherweise gar nicht, was durch die Abkürzung verloren geht.
Theologische Ausbildung muss deshalb heute beides vermitteln: das eigenständige Handwerk der Predigtvorbereitung und den reflektierten Umgang mit KI. Gerade im Zusammenspiel von Studium, geistlicher Reifung und konkreter Gemeindepraxis entsteht die Urteilskraft, die aus einem leistungsfähigen System ein hilfreiches Werkzeug macht.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht: Habe ich für diese Predigt KI benutzt? Sie lautet: Bin ich selbst den Weg gegangen, auf dem diese Predigt zu meiner Botschaft für diese Menschen geworden ist?
Der Prompt darf Teil der Predigtvorbereitung sein. Aber er darf nicht an die Stelle des Hörens treten.
Zur Abschlussarbeit
Dieser Artikel beruht auf der Bachelorarbeit „Im Anfang war der Prompt. Eine literaturbasierte Untersuchung zu den Auswirkungen von KI auf das Wesen der Predigtvorbereitung“ von Micha Lionel Gunkel, Bachelor of Arts in Praktischer Theologie, IGW, 2026.