Was ich im Gespräch mit Jens Kaldewey über Macht, Hoffnung und ein waches Leben mit Jesus neu bedacht habe
Mit der Offenbarung verbinden viele Christinnen und Christen eine eigentümliche Mischung aus Faszination und Überforderung. Man möchte wissen, was am Ende geschieht. Zugleich scheint kaum ein anderes biblisches Buch so viele Fragen aufzuwerfen: In welcher Reihenfolge kommen die Siegel, Posaunen und Schalen? Wer ist der Antichrist? Was bedeuten die Zahlen? Und lässt sich aus aktuellen politischen Entwicklungen ablesen, wie nahe die Wiederkunft Jesu ist?
Ich bin mit einer Auslegung aufgewachsen, die viele dieser Bilder zu einem chronologischen Endzeitfahrplan zusammensetzte. Später beschäftigte ich mich im Theologiestudium ein ganzes Semester lang mit der Offenbarung. Geblieben ist mir nicht nur die Faszination, sondern auch das Gefühl, wie schwer dieses Buch zu greifen ist. Je genauer man hinsieht, desto mehr Auslegungen begegnen einem.
Umso mehr liess mich ein Satz von Jens Kaldewey aufhorchen. Nach vielen Jahren intensiver Beschäftigung sei die Offenbarung für ihn immer einfacher geworden.
Einfach?
Jens meinte damit nicht, dass sich jede Vision zweifelsfrei entschlüsseln liesse. Er verglich seine Erfahrung eher mit dem Erlernen einer Sprache. Anfangs wirken die Bilder fremd. Doch wer ihnen lange begegnet, ihre biblischen Wurzeln wahrnimmt und sich nicht vorschnell auf einen einzigen Fahrplan festlegt, beginnt ihre Grammatik zu verstehen.
Die Offenbarung beginnt nicht mit der Zukunft
Wenn wir an die Offenbarung denken, springen wir gedanklich schnell zu den Tieren, Gerichten und letzten Ereignissen. Das Buch selbst beginnt anders.
In den ersten Kapiteln begegnet der auferstandene Christus sieben konkreten Gemeinden. Er sieht ihre Treue und ihre Müdigkeit, ihre Liebe und ihre Selbsttäuschung. Er ermutigt, warnt und ruft zur Umkehr. Johannes sieht Jesus inmitten der sieben Leuchter umhergehen.
Jens hat dieses Bild im Gespräch stark gemacht: Christus ist nicht nur derjenige, der irgendwann wiederkommen wird. Er ist der gegenwärtige Herr seiner Gemeinde. Er geht mitten unter ihr umher und spricht in ihre tatsächliche Situation.
Das verändert die Leserichtung. Bevor die Offenbarung unsere Fragen nach morgen beantwortet, stellt sie uns Fragen über heute:
- Wo sind wir treu geblieben?
- Wo haben wir unsere erste Liebe verlassen?
- Wo sind wir äusserlich lebendig, innerlich aber müde geworden?
- Wo müssen wir widerstehen, umkehren oder neu hören?
Die Offenbarung wurde nicht gegeben, damit eine kleine Gruppe von Spezialisten das Ende berechnen kann. Sie wurde Gemeinden gegeben, die lernen mussten, Jesus inmitten von Druck, Verführung und Unsicherheit treu zu bleiben.
Das gilt bis heute.
Nicht Fahrplan, sondern Perspektive
Jens liest den grossen Mittelteil der Offenbarung nicht als lückenlose Abfolge zukünftiger Ereignisse. Siegel, Posaunen und Schalen schildern für ihn teilweise dieselbe Wirklichkeit aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Sie beschreiben Muster, die sich durch die Geschichte ziehen, wiederkehren und sich zum Ende hin verdichten.
Diese sogenannte rekapitulierende Auslegung ist keine Flucht vor dem Text. Sie ist eine gut begründete Möglichkeit, seine Wiederholungen, Steigerungen und Parallelen zu verstehen. Die Offenbarung handelt dann weder nur von der Vergangenheit noch ausschliesslich von einer kurzen letzten Phase der Weltgeschichte. Sie beschreibt die Zeit zwischen dem ersten Kommen Jesu und der Vollendung – eine Zeit, in der wir bereits leben.
Wir warten nicht vor der Offenbarung darauf, dass sie irgendwann beginnt. Wir leben mitten in der Wirklichkeit, die sie beschreibt.
Kriege, Machtmissbrauch, wirtschaftlicher Druck, Verführung, Verfolgung und das Zeugnis der Gemeinde sind nicht erst Kennzeichen einer fernen Endzeit. Sie gehören zu der konfliktreichen Geschichte, in der das Reich Gottes bereits angebrochen, aber noch nicht vollendet ist.
Damit verschwindet die Zukunft nicht. Jens rechnet mit einer wirklichen Vollendung und mit einer letzten Zuspitzung des Bösen. Die Geschichte dreht sich nicht endlos im Kreis. Christus kommt wieder. Gott richtet. Das Böse wird überwunden. Himmel und Erde werden neu.
Aber die Offenbarung wird nicht erst für die Generation bedeutsam, die das letzte Kapitel der Weltgeschichte erlebt. Sie spricht zu jeder Generation, die lernen muss, wem sie vertraut und wem sie ihre Loyalität gibt.
Im Zentrum steht kein Tier, sondern ein Thron
Die auffälligsten Gestalten der Offenbarung sind für viele Leser die Tiere, Drachen und widergöttlichen Mächte. Das theologische Zentrum des Buches liegt jedoch an einem anderen Ort: in der Thronvision der Kapitel 4 und 5.
Johannes sieht nicht zuerst eine Welt, die ausser Kontrolle geraten ist. Er sieht einen Thron – und Einen, der darauf sitzt. Dann tritt das Lamm hervor, das geschlachtet wurde und gerade auf diese Weise gesiegt hat.
Jens unterscheidet drei Ebenen, die sich durch die Offenbarung ziehen: Gottes Handeln, die Machtentfaltung von Menschen und das Wirken des Bösen. Diese Ebenen sind real. Menschliche Herrscher tragen Verantwortung. Das Böse richtet tatsächlichen Schaden an. Die Offenbarung verharmlost Leid nicht.
Und doch besitzt keine dieser Mächte das letzte Wort.
Im Gespräch wies Jens auf eine Formulierung hin, die in der Offenbarung immer wiederkehrt: Einer Macht „wurde gegeben“, etwas zu tun. Das erinnert an Jesu Antwort an Pilatus: „Du hättest keinerlei Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre“ (Johannes 19,11).
Macht ist real, aber sie ist nicht grenzenlos. Sie wird ausgeübt, doch sie bleibt zeitlich und in ihrem Mass begrenzt. Kein Diktator, kein politisches System, keine Ideologie und keine geistliche Macht kann Gottes Geschichte an sich reissen.
Diese Perspektive ist keine Einladung zu politischer Gleichgültigkeit. Wer weiss, dass Gott auf dem Thron sitzt, darf Unrecht gerade deshalb klar benennen und ihm widerstehen. Hoffnung macht nicht passiv. Sie bewahrt uns davor, dem Bösen jene letzte Bedeutung zu geben, die es für sich beansprucht.
Die Offenbarung sagt nicht: Es ist alles halb so schlimm.
Sie sagt: Es ist schlimm – aber es ist nicht das Letzte.
Bilder sind keine Rätselcodes
Wer die Bildwelt der Offenbarung verstehen möchte, muss weit zurückblättern. Johannes greift immer wieder Motive aus der Tora, den Propheten, den Psalmen und den Geschichten Israels auf. Die Offenbarung ist das letzte Buch der Bibel, aber ihre Sprache ist von den vorausgehenden Büchern durchdrungen.
Jens sprach von der Bibel als einem lebendigen Organismus. Dieser Ausdruck gefällt mir, weil er etwas Wesentliches trifft: Die einzelnen Texte stehen nicht unverbunden nebeneinander. Bilder, Verheissungen und Erzählungen werden aufgenommen, weitergeführt und in Christus neu gebündelt.
Die Zahl Sieben ist dafür ein naheliegendes Beispiel. Bereits die Schöpfungserzählung verbindet sie mit Vollendung und Ganzheit. Wenn Johannes an sieben Gemeinden schreibt, geht es deshalb nicht nur um eine zufällige Anzahl lokaler Kirchen. Diese sieben realen Gemeinden stehen zugleich für die Kirche in ihrer ganzen Vielfalt.
Jens versteht alle Zahlen der Offenbarung symbolisch. An dieser Stelle würde ich etwas vorsichtiger formulieren. Dass Zahlen eine symbolische Bedeutung tragen, heisst nicht zwingend, dass sie niemals auch eine konkrete Dimension haben können. Doch sein Grundimpuls ist wichtig: Wir sollten apokalyptische Bilder nicht behandeln, als wären sie verschlüsselte Tabellenwerte.
Ein Symbol ist nicht weniger wahr als eine wörtliche Beschreibung. Es verdichtet Wirklichkeit. Das Lamm ist kein zoologischer Hinweis, sondern eine Offenbarung darüber, wer Jesus ist und wie er siegt. Babylon ist mehr als eine Stadt auf einer Landkarte. Das Tier ist mehr als ein einzelner Politiker.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: „Wofür steht dieses Bild?“ Sondern auch: „Was lässt es mich über Gott, Macht, Verführung, Treue und Hoffnung erkennen?“
Grosse Hoffnung braucht sorgfältige Prüfung
An einem Punkt unseres Gesprächs ging Jens deutlich weiter als bei der Frage nach einem Endzeitfahrplan. Er versteht den Feuersee nicht als Ort ewiger bewusster Qual, sondern als endgültige Vernichtung des Bösen. In der Theologie wird diese Position häufig als Annihilationismus bezeichnet.
Sie ist innerhalb der evangelikalen Welt eine Minderheitsposition, aber keine beiläufige Erfindung. Ihre Vertreter fragen, ob biblische Begriffe wie Tod, Verderben und Vernichtung stärker in ihrem gewöhnlichen Sinn gehört werden müssen. Andere Ausleger sehen in denselben Texten gute Gründe für die traditionelle Vorstellung einer ewigen bewussten Strafe.
Diese Debatte lässt sich in einem Blogartikel nicht entscheiden. Aber sie darf geführt werden. Es schadet dem Vertrauen in die Bibel nicht, wenn wir schwierige Texte genau untersuchen und auch vertraute Deutungen prüfen.
Noch weiter geht Jens bei seiner Auslegung der Völker auf der neuen Erde. Er unterscheidet zwischen dem neuen Jerusalem als Bild für die Gemeinde beziehungsweise die Braut Christi und weiteren Völkern, die ausserhalb der Stadt auf der neuen Erde leben. Nach seinem Verständnis werden im letzten Gericht viele Menschen so gerichtet, dass sie danach als erlöste Menschen ewig leben, obwohl sie nicht zur Gemeinde gehören.
Ich verstehe, was Jens an dieser Deutung bewegt. Er möchte die Weite der Gnade Gottes ernst nehmen, ohne die Realität des Bösen oder die rettende Bedeutung Christi aufzugeben. Er vertritt keine Allversöhnung. Christus bleibt auch für ihn der Retter.
Seiner konkreten Auslegung kann ich dennoch nicht ohne Weiteres folgen.
Die Offenbarung selbst verwendet die Sprache von Völkern und Nationen bereits für diejenigen, die durch das Lamm erlöst wurden. In Offenbarung 5,9 wird Jesus dafür angebetet, dass er Menschen „aus jedem Stamm und jeder Sprache und jedem Volk und jeder Nation“ für Gott erkauft hat. In Offenbarung 21,3 ist von Gottes „Völkern“ die Rede. Und Offenbarung 21,27 verbindet den Zugang zur Stadt mit dem Eintrag im Lebensbuch des Lammes.
Für mich liegt es deshalb näher, die Völker auf der neuen Erde als die vielfältige, aus allen Nationen gesammelte Gemeinschaft der Erlösten zu verstehen und nicht als eine zweite Gruppe Geretteter neben der Gemeinde.
Hinzu kommt: Das neue Jerusalem ist zugleich Stadt, Braut und Wohnort Gottes. Apokalyptische Bildsprache lässt sich nicht wie ein geografischer Lageplan lesen. Dass Völker in die Stadt kommen und ihre Herrlichkeit hineinbringen, zwingt uns nicht zu der Annahme zweier heilsgeschichtlicher Gruppen.
Die Offenbarung gibt uns Grund zu einer grossen Hoffnung. Aber für die Vorstellung, dass Menschen erst durch das letzte Gericht zu ewigem Leben gelangen und danach neben der Gemeinde auf der neuen Erde leben, bietet sie meines Erachtens keine eindeutige Grundlage.
Genau an solchen Stellen zeigt sich für mich der Wert eines theologischen Gesprächs. Ich muss Jens weder vorschnell verdächtigen noch jede seiner Schlussfolgerungen übernehmen. Ich kann die Hoffnung hinter seiner Auslegung würdigen, seine Argumente ernst nehmen und zugleich begründet sagen, wo mich der Text zu einem anderen Urteil führt.
Offenheit bedeutet nicht, dass jede Deutung gleich überzeugend ist. Und theologische Klarheit bedeutet nicht, dass wir nur mit Menschen sprechen, die bereits in allem zu denselben Ergebnissen kommen.
Theologie soll urteilsfähig machen
Gerade die Offenbarung zeigt, warum theologische Bildung mehr sein muss als das Erlernen fertiger Antworten.
Wir alle lesen die Bibel mit einer Geschichte. Manche von uns haben detaillierte Endzeitmodelle kennengelernt. Andere wurden gelehrt, das ganze Thema möglichst zu meiden. Wieder andere reagieren auf jede eindeutige Aussage über die Zukunft mit Skepsis.
Ein Studium nimmt uns diese Prägungen nicht einfach ab. Es kann uns aber helfen, genauer zu unterscheiden:
- Was sagt der biblische Text tatsächlich?
- Welche Bilder erschliessen sich aus dem Alten Testament?
- Was ist gemeinsame christliche Überzeugung und was gehört zu einer bestimmten Auslegungstradition?
- Wo spricht eine Position mit guten Gründen, und wo baut sie weitreichende Folgerungen auf eine schmale Textgrundlage?
- Welche Fragen bleiben offen, ohne dass deshalb alles beliebig wird?
Das ist eine Haltung, die wir bei IGW fördern wollen. Studierende sollen weder nur den theologischen Einheitsbrei ihrer eigenen Prägung wiederholen noch Originalität mit Wahrheit verwechseln. Sie sollen lernen, mutig zu denken, sorgfältig auszulegen, anderen fair zuzuhören und ein begründetes Urteil zu bilden.
Die Verbindung mit der Gemeindepraxis ist dabei entscheidend. Endzeittheologie bleibt nicht abstrakt. Sie prägt, ob Menschen angstvoll oder hoffnungsvoll leben, ob sie gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen oder sich zurückziehen, ob sie hinter jeder Nachricht einen geheimen Code vermuten und wie sie über Menschen sprechen, die ihren Glauben nicht teilen.
Theologie trägt Verantwortung für die Frucht, die sie hervorbringt.
Die wichtigste Endzeitfrage
Am Ende unseres Gesprächs fragte ich Jens, was es für ihn bedeutet, für die Wiederkunft Christi bereit zu sein. Seine Antwort führte nicht zu einem neuen Diagramm. Sie führte zurück an den Anfang der Offenbarung.
Jesus spricht heute zu seinen Gemeinden.
Darum besteht die beste Vorbereitung auf sein Kommen nicht darin, den richtigen Zeitpunkt zu berechnen. Sie besteht darin, heute auf seine Stimme zu hören, heute mit ihm zu leben und heute zu tun, was er uns zeigt.
Diese Antwort ist unspektakulär und gerade deshalb anspruchsvoll.
Es ist leichter, über die Bedeutung einer Posaune zu diskutieren, als dem Ruf Jesu zur Umkehr zu folgen. Es ist leichter, einen Politiker als Vorboten des Endes zu identifizieren, als die eigene Loyalität zu prüfen. Es ist leichter, die Zeichen der Zeit zu beobachten, als treu, wach und liebevoll zu leben.
Was ich aus dem Gespräch mit Jens mitnehme, ist deshalb kein neuer Endzeitfahrplan. Es ist die Einladung, die Offenbarung wieder als ein Buch für die Gemeinde zu lesen: als ein Buch, das unsere Augen für die unsichtbare Wirklichkeit öffnet, die Macht des Bösen nüchtern benennt und unseren Blick auf den Thron Gottes und das Lamm richtet.
Wir dürfen über ihre Bilder diskutieren. Wir dürfen vertraute Modelle hinterfragen. Wir müssen nicht an jeder Stelle zum selben Ergebnis kommen.
Aber wir sollten die Mitte nicht verlieren:
Christus ist gegenwärtig. Christus regiert. Christus kommt. Und die beste Vorbereitung auf morgen ist ein waches Leben mit ihm heute.
Die ganze Folge ansehen
Im vollständigen Herzgespräch spreche ich mit Jens Kaldewey darüber, wie die Offenbarung gelesen werden kann, warum ihre Bilder weit in das Alte Testament zurückreichen und was ihre Hoffnung für unser Leben heute bedeutet.
Interview auf YouTube ansehen
Jens’ Offenbarungsauslegung
In mehr als 90 Einheiten legt Jens Kaldewey die Offenbarung bei Bibletunes fortlaufend aus. Seine schriftliche Fassung ermöglicht es, auch die im Artikel diskutierten Positionen im Zusammenhang nachzuvollziehen.
Bibletunes-Reihe anhören oder schriftliche Auslegung lesen
Theologie dual studieren
Im dualen IGW-Theologiestudium werden gründliche Bibelauslegung, theologisches Urteilsvermögen und konkrete Gemeindepraxis miteinander verbunden. Studierende lernen, unterschiedliche Positionen fair zu prüfen und einen begründeten eigenen Standpunkt zu entwickeln.
Mehr über das Bachelorstudium bei IGW erfahren