Nach gut zwei Minuten hätten wir unser Gespräch eigentlich schon beenden können. Andreas Boppart – den fast alle nur Boppi nennen – hatte bereits gesagt, worauf es ihm ankommt: „Für mich geht es überhaupt nicht um Campus für Christus. Wenn, dann geht es um dieses Christus ganz hinten.“
Amen. Schlusswort. Podcast vorbei.
Natürlich haben wir trotzdem weitergeredet. Und das war gut so. Denn in diesem einen Satz steckte eine Frage, die mich seitdem beschäftigt: Was geschieht, wenn tatsächlich Christus in der Mitte steht und nicht unsere Organisation, unsere theologische Prägung oder das christliche Lager, zu dem wir uns zählen?
Ich glaube, dann wird das Evangelium weiter. Unser Herz wird demütiger. Und aus Steinen, mit denen wir einander bewerfen könnten, entstehen vielleicht wieder Brücken.
Ein Evangelium für das ganze Leben
Boppi spricht von einem „Erlösungsfeuerwerk“. Das klingt zunächst typisch nach ihm: bunt, leidenschaftlich und etwas größer als ein theologischer Fachbegriff. Aber dahinter steht eine ernste Beobachtung. Wir Christinnen und Christen haben das Evangelium manchmal so verkürzt, als bestünde es nur aus drei Schritten: Der Mensch ist schuldig, Christus vergibt und irgendwann geht es in den Himmel.
Das ist nicht falsch. Vergebung ist und bleibt ein unverzichtbarer Teil der guten Nachricht. Aber das Evangelium ist größer. Sünde betrifft nicht nur unsere persönliche Moral, sondern hat das ganze Leben beschädigt: unsere Beziehung zu Gott, zu uns selbst, zu anderen Menschen und zur Schöpfung. Deshalb umfasst auch Gottes Erlösung mehr als die Vergebung einzelner Verfehlungen. In Christus beginnt Gott, sein beschädigtes Schalom wiederherzustellen.
Boppi brachte es in unserem Gespräch auf einen Satz, der bei mir hängen geblieben ist:
„Wir sind nicht nur zum Frommsein erlöst oder zum Christsein erlöst oder für den Himmel erlöst. Wir sind zum Menschsein erlöst.“
Was das bedeutet, wurde an zwei völlig unterschiedlichen Orten sichtbar. Bei den Massai in Tansania unterstützte Campus für Christus den Bau eines Brunnens. Zuvor mussten Frauen täglich bis zu acht Stunden laufen, um Wasser zu holen. Das Leben bestand weitgehend aus der Sicherung des bloßen Überlebens. Durch den Brunnen erhielten rund tausend Menschen Zugang zu Wasser. Eine Frau sagte unter Tränen, sie könne sich nun zum ersten Mal in ihrem Leben waschen.
Auf Mallorca wiederum begegneten Mitarbeitende am Ballermann Menschen, die eigentlich nur feiern wollten und in einem Strandgottesdienst plötzlich entdeckten: Da ist ein Gott, der mich liebt. Manche von ihnen kehrten später selbst zurück, um anderen von diesem Gott zu erzählen.
Ein Brunnen in Tansania. Eine Gottesbegegnung am Ballermann. Beides kann Ausdruck der verändernden Kraft Christi sein. Wir können Brunnen graben, ohne Christus zu verkündigen. Und wir können Christus verkündigen, ohne die konkrete Not eines Menschen wahrzunehmen. Das Evangelium hält beides zusammen: die Einladung zur Versöhnung mit Gott und die Wiederherstellung menschlicher Würde. Wort und Tat. Verkündigung und Gerechtigkeit. Ewige Hoffnung und erfahrbare Veränderung im Hier und Jetzt.
Jesus selbst kündigt in der Synagoge von Nazareth ein solches Evangelium an. In den Worten aus Jesaja spricht er von guter Nachricht für die Armen, Freiheit für Gefangene und einem Jahr der Gnade. Das ist kein schmales Evangelium. Es ist eine gute Nachricht, die Schuld vergibt, Menschen aufrichtet und bereits heute Spuren des kommenden Reiches Gottes sichtbar macht.
Die Armut im eigenen Herzen
Doch Erlösung ist nicht nur etwas, das wir zu anderen Menschen bringen. Sie beginnt immer wieder bei uns selbst.
Eine der bewegendsten Geschichten unseres Gesprächs führte in einen Slum in Äthiopien. Boppi war dort für eine Leiterschaftsausbildung unterwegs. Zwischen all dem sichtbaren Leid nahm ein kleiner Junge namens Nathanael seine Hand und ließ sie nicht mehr los. Gemeinsam liefen sie durch den Slum: Nathanael mit seinem „großen weißen Bruder“, Boppi mit seinem kleinen neuen Freund.
Später, im Bus, drängte sich ihm eine Frage auf: Hätte Nathanael mehr aus Boppis Leben in der Schweiz gemacht, wenn ihre Lebensumstände vertauscht gewesen wären?
Diese Frage traf ihn tief. Eine Woche lang musste er immer wieder weinen. Er war nach Äthiopien gereist und hatte erwartet, dort die Armut anderer zu sehen. Doch in der Begegnung mit Nathanael erkannte er die Armut seines eigenen Herzens. Er kam nicht mehr als derjenige zurück, der für andere die Erlösung im Gepäck hatte. Er hatte verstanden: Auch ich brauche Erlösung. Auch mein Denken ist eng. Auch mein Herz muss von Gott erneuert werden.
Das ist vielleicht eine der größten Gefahren im christlichen Dienst: Wir sprechen von Transformation und denken zuerst an die Menschen, denen wir dienen. Wir reden von Berufung, Leitung und Mission und übersehen dabei, dass Christus auch uns selbst verändern will.
Christlicher Glaube ist nicht das Ankommen an einem Punkt, an dem alles geklärt ist. Boppi erinnerte im Gespräch an den Gedanken: Ein Christ ist im Werden, nicht im Gewordensein. Erlösung ist in Christus geschehen und zugleich zieht Christus ihre Wirklichkeit immer tiefer in unser Denken, Fühlen und Handeln hinein. Solche Veränderung geschieht oft nicht schlagartig. Sie wächst durch Begegnungen, durch heilige Momente und manchmal durch Fragen, die unsere vertrauten Sicherheiten erschüttern.
Staunen statt streiten
Wer die eigene Erlösungsbedürftigkeit kennt, kann anderen demütiger begegnen. Genau hier liegt für mich die Verbindung zwischen Boppis weitem Evangeliumsverständnis und seiner Leidenschaft für Einheit.
„Staunen statt streiten“ nennt er dieses Prinzip. Das bedeutet nicht, dass theologische Überzeugungen unwichtig wären. Es bedeutet auch nicht, Unterschiede zu verschweigen oder jede Position für gleichermaßen richtig zu erklären. Aber es verändert die erste Frage, mit der ich einem anderen Menschen begegne. Statt sofort zu prüfen, warum der andere falschliegt, kann ich fragen: Wo hast du Christus entdeckt? Was siehst du von ihm, das ich vielleicht noch nicht sehe?
Diese Haltung braucht Demut. Wir alle folgen demselben Christus und nehmen ihn doch aus unterschiedlichen Perspektiven wahr. Wir tragen Prägungen, Erfahrungen und blinde Flecken mit uns. Deshalb kann niemand Christus vollständig für das eigene Lager vereinnahmen.
Einheit entsteht auch nicht dadurch, dass alle dasselbe denken. Dann wäre sie kaum mehr als Uniformität. Christliche Einheit wird gerade dort sichtbar, wo Menschen trotz unterschiedlicher Überzeugungen sagen können: Ich teile deine Sicht nicht. Ich verstehe vielleicht nicht einmal, wie du zu ihr kommst. Aber ich glaube dir deinen Glauben an Christus – und ich bleibe dir als Schwester oder Bruder zugewandt.
Das ist anspruchsvoller als ein unverbindlicher Einheitsbrei. Es erlaubt uns, klar zu bleiben und trotzdem zugewandt zu streiten. Vor allem aber bewahrt es uns davor, unsere Kraft in innerchristlichen Grabenkämpfen zu verbrauchen, während die Welt darauf wartet, etwas von der Hoffnung Christi zu sehen.
Boppi hat dafür ein starkes Bild: „Ich benutze die Steine nicht zum Werfen, sondern um Brücken zu bauen.“ Wo andere Mauern errichten, möchte er Steine herauslösen und daraus Wege zueinander bauen. Nicht weil Unterschiede bedeutungslos wären, sondern weil er selbst über solche Brücken gegangen ist und Gott an Orten begegnet ist, an denen er ihn zuvor nicht erwartet hatte.
Vielleicht brauchen wir genau diese geistliche Neugier neu: das Vertrauen, dass Gott größer ist als unsere vertrauten Räume und dass wir etwas von ihm erkennen können, wenn wir einander erzählen, was wir an Christus entdeckt haben.
Die Kerze für das eigene Herz
Brücken zu bauen klingt schön. In der Realität kostet es Kraft. Wer sich nicht eindeutig einem Lager zuordnet, erhält Kritik von mehreren Seiten. Wer Verantwortung übernimmt, wird verletzt, missverstanden und manchmal auch zu Recht korrigiert. Mit der Zeit entsteht leicht eine innere Schutzschicht. Das Herz wird härter, die Liebe kleiner und die Leidenschaft leiser.
Im Gespräch erzählte Boppi von einem Mann, der während des Vietnamkriegs immer wieder mit einer Kerze vor dem Weißen Haus stand. Jemand fragte ihn, ob er wirklich glaube, diese kleine Kerze werde die Menschen dort drinnen verändern. Sinngemäß antwortete der Mann: Ich stehe nicht hier, um sie zu verändern. Ich stehe hier, damit ich mich nicht verändere.
Die Kerze ist damit nicht nur ein Protestzeichen. Sie steht für die Entscheidung, das eigene Herz nicht von Zynismus, Verletzungen und den Logiken des Streits bestimmen zu lassen. Boppi hält sie für die Hoffnung hoch, dass Frieden möglich ist vielleicht nicht sofort in der ganzen Welt, aber gemeinsam mit Christus wenigstens in der eigenen kleinen Welt.
Dieser Gedanke hat mich persönlich bewegt. Erfolg im geistlichen Dienst lässt sich leicht an Reichweite, Projekten oder Verantwortung messen. Aber was, wenn das eigentliche Ziel ein anderes ist? Was, wenn es am Ende darum geht, Christus nach vielen Jahren noch immer leidenschaftlich zu lieben und auch seine Gemeinde mit all ihren Fehlern nicht aufgegeben zu haben?
Boppi formulierte sein Lebensziel erstaunlich schlicht: Er möchte 90 Jahre alt werden und noch immer leidenschaftlich glauben und Jesus nachfolgen. Er möchte sein Herz bewahren und sich diese Liebe nicht rauben lassen.
Ich wünsche mir dasselbe. Wenn ich Boppi mit 70 oder 90 Jahren wieder begegne will ich feststellen: Unsere Kerzen brennen noch. Unsere Herzen sind weich geblieben. Unsere Liebe zu Christus ist tiefer geworden. Und die Steine, die uns das Leben in die Hand gedrückt hat, sind nicht zu Wurfgeschossen geworden, sondern zu Brücken.
Denn wenn Christus wirklich in der Mitte steht, müssen wir unsere Überzeugungen nicht aufgeben. Aber wir dürfen unsere Enge verlieren. Wir werden frei, das ganze Evangelium zu leben, die eigene Erlösungsbedürftigkeit anzuerkennen, über Gottes Wirken bei anderen zu staunen und unser Herz inmitten aller Konflikte weich zu halten.
Christus ist größer als unsere Organisationen. Größer als unsere theologischen Boxen. Und größer als die Gräben, die wir zwischen uns gezogen haben.
Die ganze Folge ansehen
Das vollständige Herzgespräch mit Andreas „Boppi“ Boppart findest du auf YouTube:
Christus zu den Menschen bringen
Blogartikel
Von Daniel Janzen
Theologie studieren bei IGW
Im Gespräch macht Boppi Mut, Theologie fundiert zu studieren und sich gut auf den Dienst im Reich Gottes vorzubereiten. Bei IGW verbinden wir theologische Tiefe mit gelebter Praxis und bilden missionale Leiterinnen und Leiter aus.
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