Was ich von Andrea Stücheli über Selbstführung, gemischte Teams und den Mut zur Verantwortung gelernt habe
Andrea Stücheli kommt manchmal in eine Teamsitzung und sagt: „Liebe Leute, heute ist gar nicht gut. Bitte schaut mich mit diesem Filter an.“
Sie weiß, dass sie an manchen Tagen emotionaler reagiert oder schärfer formuliert als sonst. Deshalb spricht sie es an. Sie erlaubt ihren Kolleginnen und Kollegen sogar, sie darauf hinzuweisen, wenn ihr Ton zu hart wird.
Auf den ersten Blick könnte man das für Unsicherheit halten. Eine Leitungsperson sollte sich doch im Griff haben, souverän auftreten und persönliche Befindlichkeiten aus der Sitzung heraushalten.
Je länger ich Andrea zuhörte, desto mehr erkannte ich das Gegenteil. Hier übernimmt jemand Verantwortung für die eigene Wirkung. Andrea verdrängt ihre Emotionen nicht. Sie liefert sich ihnen aber auch nicht einfach aus. Sie nimmt wahr, was in ihr geschieht, spricht ehrlich darüber und schafft damit Klarheit für das Team.
Das ist Selbstführung.
Andrea ist Pastorin in Aarau, Mutter von zwei Kindern und Alumna von IGW. In unserem Herzgespräch sprachen wir über Frauen in geistlicher Leitungsverantwortung. Dabei wurde mir deutlich, wie stark unsere Bilder von Pastorinnen und Pastoren über Jahrhunderte von Männern geprägt wurden. Viele Bücher über Leitung wurden von Männern geschrieben. Viele kirchliche Strukturen wurden für männliche Berufsbiografien entwickelt. Und viele Vorstellungen davon, wie eine überzeugende Führungsperson auftritt, tragen bis heute männliche Züge.
Frauen können in solchen Strukturen leiten. Doch manchmal bleibt unausgesprochen die Erwartung bestehen, dass sie es möglichst so tun, wie Männer es bisher getan haben.
Andrea zeigt einen anderen Weg. Sie versucht nicht, die bessere Version eines männlich geprägten Pastorenbildes zu werden. Sie lernt, als die Frau zu leiten, die Gott geschaffen und berufen hat.
Unterschiede wahrnehmen, ohne Menschen in Schubladen zu stecken
Über Unterschiede zwischen Frauen und Männern zu sprechen, ist nicht einfach. Schnell entstehen Klischees: Frauen seien emotional und beziehungsorientiert, Männer sachlich und entscheidungsfreudig.
Das wirkliche Leben ist komplizierter. Bei uns zu Hause bin ich oft derjenige, der dekoriert, Kerzen anzündet und Atmosphäre schafft. Eigenschaften lassen sich nicht sauber nach Geschlechtern sortieren. Andrea betont deshalb, dass sie zuerst als Andrea wahrgenommen werden möchte und nicht nur als Frau.
Trotzdem wäre es zu einfach, über Unterschiede gar nicht mehr zu sprechen.
Andrea beobachtet bei vielen Frauen eine starke Beziehungsorientierung. Wenn es in einem Leitungsteam einen Konflikt gibt, können sie ihn nicht einfach in eine Schublade legen und anschließend unbeschwert über Fußball reden. Die gestörte Beziehung wirkt in andere Bereiche hinein.
Das kann anstrengend sein. Es ist aber auch eine Stärke.
Menschen werden weniger leicht übergangen. Jemand fragt noch einmal nach. Spannungen werden nicht vorschnell zugedeckt. Bevor das Team einfach weiterarbeitet, wird geprüft, ob die Beziehungsebene wirklich geklärt ist.
Auch Männer bringen Stärken mit, die ein Team dringend braucht. Andrea erzählte, wie ihr Mitpastor ihr nach einem schwierigen Gespräch helfen kann, einen Konflikt sachlicher zu betrachten. Seine Perspektive nimmt ihr nicht ihre Emotionen. Sie hilft ihr aber, das Erlebte einzuordnen.
Darum geht es nicht darum, eine weibliche gegen eine männliche Art der Leitung auszuspielen. Gute Leitung entsteht dort, wo unterschiedliche Menschen einander ergänzen und die Perspektive des anderen wertschätzen.
Selbstführung beginnt mit ehrlicher Wahrnehmung
In vielen Leitungsbüchern erscheint die Führungskraft beinahe losgelöst vom eigenen Körper. Sie plant, priorisiert, kommuniziert und entscheidet. Ob diese Person gerade erschöpft ist, einen Zyklus erlebt, kleine Kinder betreut oder nach einer emotional belastenden Sitzung nach Hause kommt, spielt kaum eine Rolle.
In der Wirklichkeit spielt es eine große Rolle.
Andrea behält ihren Zyklus bewusst im Blick. Wenn es möglich ist, berücksichtigt sie ihn sogar bei der Predigtplanung. Sie nimmt wahr, wann sie empfindlicher reagiert, wann sie mehr Ruhe braucht und wann ihre Belastbarkeit geringer ist.
Das ist keine Ausrede für verletzendes Verhalten. Andrea übernimmt gerade deshalb Verantwortung. Sie bittet andere um Rückmeldung, entschuldigt sich, wenn es nötig ist, und sucht nach einem gesunden Umgang mit ihren Emotionen.
Mich hat diese Offenheit beeindruckt. Gute Selbstführung beginnt nicht damit, dass ich unabhängig von meiner Verfassung immer gleich funktioniere. Sie beginnt damit, dass ich ehrlich wahrnehme, wie es mir geht.
Das gilt nicht nur für Frauen.
Auch als Mann darf ich sagen: Heute bin ich dünnhäutig. Dieser Konflikt beschäftigt mich stärker, als ich erwartet habe. Ich brauche zehn Minuten, bevor ich diese Sitzung leiten kann. Ich bin gerade nicht in der Verfassung, eine kluge Entscheidung zu treffen.
Solche Sätze schwächen Leitung nicht. Richtig eingesetzt schaffen sie Vertrauen. Wer die eigene Wirklichkeit verdrängt, wird trotzdem von ihr beeinflusst. Wer sie wahrnimmt, kann verantwortlich mit ihr umgehen.
Grenzen schützen nicht nur uns selbst
Andrea beantwortete meine erste Frage mit viel Humor. Wie überlebt man es, gleichzeitig Pastorin und Mutter von zwei kleinen Kindern zu sein?
Ihre Antwort war erstaunlich unspektakulär: Grenzen setzen, Zeiten allein einplanen und akzeptieren, dass Kinder einen irgendwann nach Hause holen.
Wer nach einem langen Arbeitstag kleine Kinder zu Hause hat, liest am Abend nicht automatisch das nächste Fachbuch. Man spielt Playmobil, schlichtet Streit oder begleitet müde Kinder ins Bett. Diese Lebensrealität kann eine Grenze sein. Sie kann aber auch eine Schule der Leitung werden. Eltern lernen, mit Unterbrechungen umzugehen, Krisen zu bewältigen und die eigenen Pläne nicht für das Wichtigste auf der Welt zu halten.
Andrea plant ihre stillen Tage gemeinsam mit ihrem Mann weit im Voraus. Vor einem Gottesdienst kommt sie bewusst früher, damit sie zur Ruhe finden kann. Nach einer emotional anstrengenden Sitzung fährt sie manchmal einen Umweg, bevor sie nach Hause kommt. Auf Gemeindefreizeiten vereinbart sie klare Zeiten, in denen sie arbeitet, und andere, in denen sie ganz Mutter ist.
Das klingt nicht spektakulär geistlich. Doch genau darin zeigt sich verantwortliche Leitung.
Grenzen schützen nicht nur Andrea. Sie schützen ihre Kinder, ihre Ehe, ihr Team und langfristig auch ihre Berufung.
Mich hat auch beeindruckt, wie positiv sie über die Vereinbarkeit von Familie und pastoraler Arbeit spricht. Die Arbeitszeiten sind herausfordernd, besonders an Abenden und Wochenenden. Gleichzeitig bietet der Beruf Flexibilität. Wenn ein Kind krank ist oder der Kindergarten ausfällt, kann Andrea manches von zu Hause erledigen.
Ihr Weg zeigt: Mutterschaft muss nicht das Ende einer pastoralen Berufung bedeuten. Aber Gemeinden müssen Arbeitsmodelle schaffen, die dem wirklichen Leben von Familien entsprechen. Eine Stelle mit 40 Prozent kann für eine Mutter eine echte Tür in den pastoralen Dienst sein. Wenn Gemeinden nur große Vollzeitstellen vorsehen, schließen sie manche begabte Frau aus, ohne es ausdrücklich zu wollen.
Kleine Situationen verraten große Erwartungen
Dass viele kirchliche Strukturen noch immer vom männlichen Pastor ausgehen, zeigt sich oft nicht in bösen Absichten. Es zeigt sich in kleinen Momenten.
Bei Andreas Einsetzung wurde ihr Mann zunächst vergessen. Bei einem Pastor wäre es selbstverständlich gewesen, auch seine Frau einzubeziehen. Für den „Pastorenmann“ gab es noch keine eingeübte Rolle. Er meldete sich schließlich selbst und sagte sinngemäß: Ich gehöre auch dazu.
Niemand wollte ihn bewusst übergehen. Gerade deshalb ist die Geschichte so aufschlussreich.
Wir können überzeugt sein, dass Frauen und Männer gleichwertig sind, und trotzdem in Abläufen denken, die nur eine männliche Normalbiografie kennen. Eine offene Tür allein verändert diese Kultur noch nicht. Wir müssen lernen, genauer hinzusehen.
Wen sprechen wir in einer gemischten Doppelspitze zuerst an? Wem trauen wir automatisch die letzte Entscheidung zu? Wen bezeichnen wir als klar und durchsetzungsstark? Und wen erleben wir bei demselben Verhalten als dominant?
Andrea kennt diese unterschiedliche Bewertung. Wenn ein Mann klar sagt, wo es langgeht, gilt er schnell als überzeugende Führungsperson. Tut eine Frau dasselbe, wird sie eher als dominant bezeichnet.
Solche Muster verändern sich nicht auf Knopfdruck. Humor hilft Andrea, ihr Herz davor zu schützen, jede unbedachte Bemerkung persönlich zu nehmen. Gleichzeitig setzt sie Grenzen. Wenn Menschen mit ihr grundsätzlich darüber diskutieren möchten, ob Frauen überhaupt leiten dürfen, verweist sie an andere Gesprächspartner. Sie muss nicht jede Debatte selbst führen.
Auch das ist Selbstführung: zu unterscheiden, welches Gespräch ich führen soll und welches nicht.
Eine offene Tür reicht nicht
Andrea erlebt ihre eigene Gemeinde als einen Ort, an dem sie auf Augenhöhe mit einem Mann leitet. Ihre Rolle als Pastorin wird nicht ständig infrage gestellt. Sie wird als Andrea wahrgenommen.
Doch sie weiß, dass diese Erfahrung noch nicht überall selbstverständlich ist.
Es ist besonders schwer, die erste Frau für ein Leitungsteam zu gewinnen. Wo keine Frau sichtbar Verantwortung trägt, fehlen jungen Frauen Vorbilder. Sie sehen nicht, wie eine Pastorin predigt, Konflikte führt, Familie und Beruf verbindet oder mit Fehlern umgeht. Und weil diese Vorbilder fehlen, fällt es der nächsten Generation schwerer, sich selbst in einer solchen Rolle zu sehen.
Darum geschieht Förderung nicht allein durch allgemeine Offenheit. Sie wird konkret.
Jemand muss eine Frau ansprechen und sagen: Ich sehe eine Gabe in dir. Ich traue dir diese Verantwortung zu. Probiere es aus. Ich begleite dich dabei.
Andrea investiert deshalb persönlich in andere Frauen. Sie nimmt sie mit, ermutigt sie und hilft ihnen, ihre Begabungen zu entdecken. Sichtbare Leiterinnen machen es für weitere Frauen leichter, ihren eigenen Weg zu gehen.
Gleichzeitig braucht es Männer, die Gleichwertigkeit nicht nur bejahen, sondern praktisch leben. Männer, die Einfluss teilen. Männer, die Frauen nicht lediglich gestatten mitzuarbeiten, sondern ihre Perspektive suchen. Männer, die es aushalten, wenn eine Frau klar führt, anders kommuniziert oder eine Situation anders wahrnimmt als sie selbst.
Gemischte Teams sind nicht automatisch gute Teams. Sie brauchen gegenseitige Wertschätzung und die Bereitschaft, voneinander zu lernen. Wo das gelingt, entsteht jedoch eine größere Weite. Entscheidungen werden aus mehreren Blickwinkeln betrachtet. Menschen werden anders wahrgenommen. Stärken ergänzen sich und blinde Flecken werden sichtbar.
Andrea ist überzeugt, dass geteilte Leitung ein Modell der Zukunft ist. Ich glaube, darin liegt eine große Chance für Gemeinden.
Der Mut zu sagen: Ich kann das
Ein Satz von Andrea hat mich besonders beschäftigt. Als sie sich auf ihre heutige Stelle bewarb, sagte sie: „Ich kann das.“
Manche Menschen schauten sie deshalb schräg an.
Offenbar erwarten wir von Frauen noch immer häufiger, dass sie ihre Fähigkeiten vorsichtig relativieren. Vielleicht müsste es heißen: Ich weiß nicht, ob ich schon bereit bin. Es gibt bestimmt andere, die es besser können. Wenn ihr wirklich meint, könnte ich es vielleicht versuchen.
Andrea wählte einen anderen Ton. Nicht aus Selbstüberschätzung, sondern aus Vertrauen:
„Gott hat Dinge in uns hineingelegt. Er hat uns das Werkzeug gegeben. Das kann ich mit Gottes Hilfe.“
Natürlich wird sie Fehler machen. Sie wird lernen und sich entschuldigen müssen. Aber das gilt für Männer genauso.
Demut bedeutet nicht, die eigenen Gaben kleinzureden. Demut bedeutet, sie als Geschenk zu empfangen und verantwortlich einzusetzen.
Vielleicht brauchen manche Frauen deshalb nicht zuerst noch eine weitere Qualifikation. Vielleicht brauchen sie Ermutigung, den vorhandenen Gaben zu vertrauen. Sie brauchen Menschen, die ihnen Verantwortung zutrauen. Und sie brauchen den Mut, selbst zu sagen: Gott hat mich begabt. Ich kann diese Aufgabe übernehmen. Nicht vollkommen und nicht allein, aber mit seiner Hilfe.
Ein weiches Herz in einer sichtbaren Rolle
Wer leitet, wird kritisiert. Manche Kritik ist berechtigt. Manche ist unfair. Beides kann das Herz hart machen.
Andrea erzählte von König Hiskia. Als er einen bedrohlichen Brief erhielt, ging er in den Tempel und breitete ihn vor Gott aus. Andrea macht etwas Ähnliches. Wenn Kritik kommt, schreibt sie diese auf, legt sie vor Gott hin und sagt: „Herr, jetzt musst du.“
Erst danach beginnt sie zu sortieren. Was muss ich ernst nehmen? Wo sollte ich mich entschuldigen oder etwas verändern? Und wo darf ich mich abgrenzen?
Dabei helfen ihr ihr Mann, Freundinnen und Freunde sowie geistliche Wegbegleiter. Menschen, die sie kennen, ehrlich mit ihr sind und eine Situation auch sachlicher betrachten können.
Doch am Ende, sagt Andrea, ist es die Beziehung zu Gott, die ihr Herz weich hält. Anders geht es nicht.
Das ist vielleicht der tiefste Punkt unseres Gesprächs. Frauen brauchen nicht nur den Mut, in Leitung hineinzutreten. Jeder Mensch in Verantwortung braucht einen Ort, an dem Leistung, Kritik und Erwartungen nicht das letzte Wort haben. Vor Gott müssen wir weder stark wirken noch uns verteidigen. Wir dürfen hinlegen, was uns verletzt, und von ihm zeigen lassen, was wir daraus lernen sollen.
Wenn Menschen aufblühen
Am Ende fragte ich Andrea, für welche Momente sich all die Planung, die Abendtermine, die Kritik und die Herausforderungen lohnen.
Ihre Antwort kam schnell: wenn Menschen aufblühen.
Ein junger Mann wollte in ihrer Gemeinde ein Praktikum machen. Andrea gab ihm den Auftrag, für eine Predigt zu recherchieren. Eine Woche später kam er mit einer vollständigen Predigt zurück. Sie war so gut, dass Andrea ihm sagte: „Die musst du halten.“
Genau in solchen Momenten blüht ihr eigenes Herz auf. Menschen entdecken ihre Gaben. Sie wachsen in der Jüngerschaft. Sie stehen auf und werden für andere zur guten Nachricht.
Daran zeigt sich gute geistliche Leitung. Sie schafft Räume, in denen andere Menschen aufblühen.
Vielleicht müssen wir deshalb unsere Bilder von Leitung erweitern. Wir brauchen nicht nur einzelne starke Persönlichkeiten an der Spitze. Wir brauchen Frauen und Männer, die einander ergänzen. Mütter und Väter, Singles und Verheiratete, emotionale und sachliche Menschen. Wir brauchen Leitungspersonen, die ihre Grenzen kennen, ihre Gaben nicht kleinreden und ihr Herz vor Gott weich halten.
Andrea träumt davon, dass Frauen aufstehen, ihre Gaben nutzen und sich Leitungsverantwortung zutrauen. Ich teile diesen Traum.
Nicht, weil Frauen genauso führen wie Männer.
Sondern weil die Kirche ihre Gaben braucht.
Blogartikel
Von Daniel Janzen
Die ganze Folge ansehen
Das vollständige Herzgespräch mit Andrea Stücheli findest du auf YouTube:
Frauen in geistlicher Leitungsverantwortung
Theologie studieren und Verantwortung übernehmen
Bei IGW geht es nicht nur darum, den Kopf mit Wissen zu füllen. Das duale Theologiestudium gibt dir Werkzeuge an die Hand, mit denen du Menschen begleiten, Gemeinde gestalten und deine Gaben im Reich Gottes einsetzen kannst. Wenn du spürst, dass Gott dich in geistliche Verantwortung ruft, möchten wir dich auf diesem Weg ausbilden und ermutigen.
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