Warum christliche Hoffnung zum Handeln führt
Eine theologische Einordnung von Roland Hardmeiers „Die Stadt des Königs“
Kriege, Krisen und gesellschaftliche Umbrüche wecken zuverlässig die Frage: Leben wir in der Endzeit? Schnell werden aktuelle Ereignisse mit biblischen Texten verbunden. Wer ist der Antichrist? Welche Katastrophe erfüllt welche Prophetie? Und was geschieht als Nächstes?
Roland Hardmeiers Buch Die Stadt des Königs setzt an einem anderen Punkt an. Es fragt nicht zuerst, ob wir den Ablauf der letzten Dinge entschlüsseln können. Es fragt, welche Zukunft Gott seiner Schöpfung verheissen hat und was diese Hoffnung heute aus uns macht. Genau darin liegt die besondere Stärke des Buches: Hardmeier nimmt die Sicherheit aus spekulativen Endzeitfahrplänen, nicht aber aus der christlichen Hoffnung.
Ein Buch aus der Geschichte von IGW
Die Stadt des Königs. Eine biblische Theologie der Hoffnung erschien 2020 als fünfter Band der Studienreihe IGW. Das rund 370 Seiten umfassende Werk ist eine vollständige Neubearbeitung von Hardmeiers früherem Buch Zukunft. Hoffnung. Bibel. Es stellt die wichtigsten Endzeitmodelle vor, verfolgt ihre geschichtliche Entwicklung und prüft zentrale Themen der Eschatologie: Reich Gottes, Endzeitrede Jesu, Antichrist, Wiederkunft, Entrückung, Auferstehung, Offenbarung, Tausendjähriges Reich, Gericht, Hölle und neue Schöpfung.
Das Buch gehört damit zur eigenen theologischen Publikationsgeschichte von IGW. Diese Nähe ist ein Grund, genauer hinzusehen. Eine redaktionelle Einordnung sollte nicht nur sagen, dass das Buch gründlich und lesenswert ist. Sie muss auch zeigen, welche Positionen Hardmeier vertritt, worin seine Leistung besteht und an welchen Stellen Leserinnen und Leser zu anderen Ergebnissen kommen können.
Das Problem geschlossener Endzeitmodelle
Hardmeier beginnt nicht mit einem neuen Modell, das alle anderen ersetzen soll. Zunächst zeigt er, wie sehr christliche Endzeiterwartungen von ihrem geschichtlichen Umfeld geprägt wurden. Die frühe Kirche, das Mittelalter, Reformation und Pietismus, der Fortschrittsglaube des 19. Jahrhunderts und der Pessimismus des 20. Jahrhunderts haben jeweils andere Aspekte der biblischen Hoffnung betont.
Damit behauptet Hardmeier nicht, alle Modelle seien gleich richtig. Er macht aber deutlich: Kein Endzeitmodell ist einfach mit der Bibel identisch. Jedes Modell ordnet Texte, verbindet Aussagen und schliesst Lücken. Das ist hilfreich, wird aber gefährlich, wenn das System beginnt, die Auslegung zu beherrschen. Dann lesen wir einzelne Bibelstellen nur noch als Teile eines bereits fertigen Fahrplans.
Diese geschichtlich verankerte Perspektive führt bei Hardmeier aber nicht in Beliebigkeit, sondern in eine doppelte Haltung: sorgfältige Auslegung und theologische Demut. Wir sollen um die Wahrheit ringen, ohne unsere Rekonstruktion der Endzeit mit der Wahrheit selbst zu verwechseln.
Fünf Gewissheiten, die kein Fahrplan ersetzen kann
Bei aller Offenheit gegenüber unterschiedlichen Modellen hält Hardmeier fünf Grundlinien der christlichen Hoffnung für unverzichtbar:
- Gut und Böse reifen bis zum Ende nebeneinander. Die Bibel erlaubt weder einen einfachen Fortschrittsoptimismus noch die Gewissheit, dass vor der Wiederkunft alles zwangsläufig immer schlechter werden muss.
- Das Evangelium wird allen Völkern verkündigt. Die Zeit zwischen Auferstehung und Wiederkunft ist vor allem Zeit der Mission.
- Jesus Christus wird sichtbar, persönlich und machtvoll wiederkommen. Christliche Hoffnung richtet sich nicht nur auf bessere Verhältnisse, sondern auf die Ankunft des Königs.
- Die Toten werden auferstehen und Gott wird gerecht richten. Das Böse behält nicht das letzte Wort. Schuld wird nicht verdrängt und das Leiden der Opfer nicht vergessen.
- Gott wird Himmel und Erde erneuern. Das Ziel ist nicht die Auflösung der Schöpfung, sondern ihre Befreiung und Vollendung.
Diese fünf Gewissheiten sind schlicht genug, um Christen verschiedener eschatologischer Überzeugungen miteinander zu verbinden. Zugleich sind sie gehaltvoll genug, um Glauben, Gemeinde und Lebenspraxis eine Orientierung zu geben.
Im Zentrum steht nicht der Antichrist, sondern Christus
Der wichtigste theologische Entscheid des Buches betrifft sein Zentrum. Hardmeier ordnet die Eschatologie nicht um Antichrist, Trübsal oder Tausendjähriges Reich. Im Zentrum stehen das Reich Gottes, das Kreuz und die leibliche Auferstehung Jesu.
Mit Jesus ist Gottes Herrschaft bereits angebrochen. In seinen Heilungen, in der Vergebung von Schuld, in seinem Sieg über das Böse und endgültig in seiner Auferstehung ist Gottes kommende Welt mitten in der alten gegenwärtig geworden. Sie ist wirklich da, aber noch nicht vollendet. Frieden, Gerechtigkeit und Heil sind angebrochen, doch die Schöpfung leidet weiter und wartet auf ihre Befreiung.
Diese Spannung von „schon“ und „noch nicht“ schützt vor zwei Verkürzungen. Christinnen und Christen können Gottes Reich nicht aus eigener Kraft vollenden. Aber sie warten auch nicht untätig auf eine Welt, mit der Gott angeblich nichts mehr vorhat. Weil Jesus auferstanden ist, hat die neue Schöpfung bereits begonnen. Weil ihre Vollendung noch aussteht, bleiben wir auf die Wiederkunft angewiesen.
Von hier aus erhält auch der Begriff „Endzeit“ einen anderen Klang. Im Neuen Testament beginnen die letzten Tage nicht erst kurz vor dem Ende der Welt. Sie beginnen mit Jesus, seinem Tod, seiner Auferstehung und der Ausgiessung des Heiligen Geistes. Die Kirche lebt seit Pfingsten in der Endzeit. Ihre entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob sie die letzte Generation ist. Sie lautet, wie sie in der Zeit zwischen Anbruch und Vollendung treu lebt.
Wo Hardmeier klar Position bezieht
Hardmeier belässt es nicht bei einzelnen gemeinsam geteilten Grundüberzeugungen. Im Verlauf des Buches entsteht eine erkennbare Gesamtsicht.
Die Endzeitrede Jesu in Mt 24 und 25 liest er zunächst in ihrem historischen Horizont. Viele Aussagen, die heute unmittelbar auf eine künftige Weltendzeit bezogen werden, versteht er als Ankündigung des Gerichts über Jerusalem und der Tempelzerstörung im Jahr 70. Zugleich erschöpft sich die Rede für ihn nicht in diesem Ereignis. Die Gleichnisse von Wachsamkeit und Verantwortung öffnen den Blick auf die lange Zeit bis zur sichtbaren Wiederkunft und zum Weltgericht.
Auch beim Antichristen bremst Hardmeier vertraute Spekulationen. Der Begriff kommt im Neuen Testament nur in den Johannesbriefen vor und bezeichnet dort mehrere Verführer, die Christus leugnen. Andere Texte sprechen vom „Menschen der Gesetzlosigkeit“ oder vom „Tier“. Hardmeier rechnet mit antichristlichen Personen, Lehren und Machtstrukturen in der ganzen Geschichte. Eine letzte persönliche Zuspitzung schliesst er nicht aus. Er warnt aber davor, jede politische Gestalt vorschnell zum einen endzeitlichen Antichristen zu erklären.
Eine geheime Entrückung der Gemeinde vor einer siebenjährigen Trübsal lehnt Hardmeier ab. Er versteht 1. Thess 4 als das Entgegengehen der Gemeinde zu dem sichtbar wiederkehrenden König. Entrückung und Wiederkunft sind für ihn nicht zwei Ereignisse, die Jahre auseinanderliegen, sondern zwei Perspektiven auf dieselbe Ankunft Christi.
Die Offenbarung liest er als Botschaft an bedrängte Gemeinden des ersten Jahrhunderts und zugleich als prophetisches Buch für die ganze Zeit der Kirche. Siegel, Posaunen und Schalen bilden in dieser Sicht keine lückenlose Chronologie künftiger Ereignisse. Sie beschreiben das Ringen zwischen Gottes Herrschaft und widergöttlichen politischen, religiösen und wirtschaftlichen Mächten in wiederkehrenden Bildern. Das Zentrum der Offenbarung ist nicht die Berechnung von Zeitabschnitten, sondern das geschlachtete Lamm, das siegt.
Beim Tausendjährigen Reich bevorzugt Hardmeier eine amillennialistische Deutung. Die tausend Jahre aus Offb 20 stehen dann symbolisch für die gegenwärtige Herrschaft Christi und die Zeit der Kirche. Den historischen Prämillennialismus, nach dem Christus nach seiner Wiederkunft ein irdisches Friedensreich aufrichtet, behandelt er dennoch als ernstzunehmende Alternative.
Auch bei Gericht und Hölle bezieht er Position, ohne jede Frage abzuschliessen. Eine Allversöhnung hält er für biblisch nicht ausreichend begründet. Zugleich prüft er, ob die Gottlosen ewig bewusst leiden oder am Ende endgültig vernichtet werden. Die zweite Möglichkeit erscheint ihm biblisch plausibel. Eine endgültige Entscheidung fällt er aber nicht.
Wer aus einer dispensationalistischen Tradition kommt oder Offb 20 anders liest, wird an mehreren Stellen widersprechen. Das Buch verschweigt diese Unterschiede nicht. Es lädt gerade dazu ein, die eigene Position nicht nur zu verteidigen, sondern an den biblischen Texten zu prüfen.
Die stärkste Pointe: neue Schöpfung statt Weltflucht
Besonders überzeugend ist Hardmeiers Verbindung von Auferstehung und neuer Schöpfung. Die christliche Hoffnung zielt nicht darauf, dass körperlose Seelen eine vergängliche Erde für immer verlassen. Sie zielt auf die Auferstehung des Leibes und die Erneuerung der Schöpfung.
Die Auferstehung Jesu ist dafür das entscheidende Modell. Ostern bedeutet weder bloss, dass Jesu Idee weiterlebt, noch dass seine Seele dem Tod entkommen ist. Gott hat den gekreuzigten Jesus leiblich auferweckt. Sein Auferstehungsleib ist derselbe und doch verwandelt. Entsprechend bedeutet neue Schöpfung nicht, dass Gott sein ursprüngliches Werk aufgibt und durch etwas völlig Fremdes ersetzt. Vielmehr reinigt, verwandelt und vollendet er, was er geschaffen hat.
Dazu passt das grosse biblische Bild, das dem Buch seinen Titel gibt: Die Bibel beginnt in einem Garten und endet in einer Stadt. Das neue Jerusalem ist nicht einfach die Rückkehr nach Eden. Dass die Völker ihre Herrlichkeit in die Stadt bringen (Offb 21,26), versteht Hardmeier als Hinweis darauf, dass auch menschliche Kultur und die Früchte verantwortlicher Arbeit gereinigt in Gottes neuer Welt ihren Platz finden können. Gottes Zukunft ist nicht ärmer als seine Schöpfung, sondern reicher.
Diese Sicht verändert die Bedeutung unseres gegenwärtigen Handelns. Was wir für Gerechtigkeit, Versöhnung, Schönheit und Bewahrung der Schöpfung tun, bringt Gottes neue Welt nicht aus eigener Kraft hervor. Unser Tun ist vorläufig, bruchstückhaft und auf Gottes Vollendung angewiesen. Aber es ist deshalb nicht bedeutungslos.
Hoffnung wird zur Tat
Im letzten Kapitel bündelt Hardmeier die praktische Konsequenz in fünf Bewegungen. Die Gemeinde soll:
- verkündigen: Sie bezeugt Jesus Christus, seinen Tod, seine Auferstehung, seine Wiederkunft und sein Gericht. Mission lebt von der Liebe Christi, nicht von Angst vor einem Endzeitdatum.
- verkörpern: Sie macht durch Versöhnung, Teilen, Fürsorge und den Umgang mit Macht sichtbar, wie Leben unter Gottes Herrschaft aussieht.
- bauen: Sie arbeitet für Frieden und Gerechtigkeit und übernimmt Verantwortung in der Gesellschaft, ohne ihre vorläufigen Beiträge mit dem vollendeten Reich Gottes gleichzusetzen.
- gestalten: Sie nimmt Kunst, Kultur, Bildung und alltägliche Arbeit als Orte ernst, an denen Gottes schöpferische Güte aufleuchten kann.
- bewahren: Sie behandelt die Schöpfung nicht als Verbrauchsmaterial einer ohnehin untergehenden Welt, sondern als Gottes geliebtes Werk, das er erlösen wird.
Damit gewinnt Hardmeiers Eschatologie eine missionale Gestalt. Die Gemeinde ist nicht Zuschauerin eines göttlichen Endspiels. Sie ist Zeugin der kommenden Welt. Sie verkündet, was Gott tun wird, und lässt ihr gemeinsames Leben schon heute davon prägen.
Was das Buch besonders wertvoll macht
Drei Stärken stechen hervor. Erstens verbindet Hardmeier biblische Auslegung mit Theologiegeschichte. Dadurch wird sichtbar, dass auch scheinbar selbstverständliche Endzeitmodelle entstanden sind und sich verändert haben. Das fördert Demut, ohne Überzeugungen aufzulösen.
Zweitens entwickelt das Buch eine zusammenhängende biblische Hoffnung. Reich Gottes, Kreuz, Auferstehung, Wiederkunft, Gericht und neue Schöpfung werden nicht als getrennte Lehrstücke behandelt. Sie bilden eine Geschichte mit Jesus Christus im Zentrum.
Drittens führt die Argumentation konsequent zur Praxis. Die Frage nach der Zukunft bleibt nicht im Seminarraum. Sie berührt Mission, Gemeindeleben, soziale Verantwortung, Arbeit, Kunst und Schöpfungsbewahrung.
Gerade diese Verbindung macht das Buch für Leiterinnen und Leiter, Pastorinnen und Pastoren sowie theologisch interessierte Christinnen und Christen wertvoll. Es eignet sich nicht nur als Nachschlagewerk zu einzelnen Endzeitthemen, sondern als Grundlage für Predigtreihen, Seminare und persönliche Neuorientierung.
Wo Fragen offenbleiben
Die Breite des Buches ist zugleich seine Grenze. Wer eine kurze Einführung sucht, wird von rund 370 Seiten, vielen historischen Stationen und mehreren Auslegungsmodellen gefordert. Das Werk ist verständlich geschrieben, aber keine leichte Wochenendlektüre.
Auch entsteht trotz der anfänglichen Warnung vor geschlossenen Systemen eine recht klare Verbindung aus moderat präteristischer Auslegung der Endzeitrede, symbolischer Lesart der Offenbarung und amillennialistischer Gesamtsicht. Das ist keine Schwäche an sich. Leserinnen und Leser sollten nur wissen, dass sie nicht bei einer neutralen Übersicht stehen bleiben, sondern einer begründeten Position begegnen.
Einzelne exegetische Entscheidungen bleiben diskutierbar. Bezieht sich ein so grosser Teil von Mt 24 tatsächlich auf das Jahr 70? Lässt sich die erste Auferstehung in Offb 20 geistlich deuten? Spricht das Neue Testament bei der Hölle eher von ewiger bewusster Strafe oder endgültiger Vernichtung? Hardmeier benennt solche Spannungen fair und gibt nicht vor, jede Schwierigkeit beseitigt zu haben. Gerade deshalb eignet sich das Buch gut für ein ernsthaftes theologisches Gespräch.
Die Kritik am klassischen Dispensationalismus fällt deutlich aus. Sie ist angesichts spekulativer und weltabgewandter Ausprägungen nachvollziehbar. Neuere dispensationalistische Ansätze, die Reich Gottes, ganzheitliche Erlösung und gesellschaftliche Verantwortung stärker betonen, werden zwar berücksichtigt, stehen aber nicht im Zentrum. Leserinnen und Leser aus dieser Tradition werden manche Urteile anders gewichten.
Unser Fazit
Die Stadt des Königs ist kein Buch, das alle Streitfragen der Eschatologie beendet. Sein grösster Wert liegt woanders: Es ordnet die christliche Hoffnung gezielt um Jesus Christus, seine Auferstehung und Gottes kommende neue Schöpfung. Es zeigt, warum Demut in Detailfragen und Gewissheit im Zentrum keine Gegensätze sind.
Hardmeiers Deutungen müssen nicht an jeder Stelle übernommen werden, damit seine Hauptfrage trifft: Führt unsere Sicht der Zukunft zu Angst, Berechnung und Rückzug? Oder lässt sie uns Christus erwarten und gerade deshalb treu in seiner Welt leben?
Christliche Hoffnung kennt nicht den genauen Fahrplan. Aber sie kennt den König. Sie weiss, dass er wiederkommt, dass Gott das Böse richten, die Toten auferwecken und seine Schöpfung vollenden wird. Darum kann sie beten und arbeiten, verkündigen und versöhnen, gestalten und bewahren.
Nicht trotz der kommenden Welt, sondern in ihrem Licht.
Zum Buch
Roland Hardmeier: Die Stadt des Königs. Eine biblische Theologie der Hoffnung. Studienreihe IGW, Band 5. GRIN Verlag, 2020. 370 Seiten. ISBN 978-3-346-13041-9.
Theologie, die Hoffnung und Handeln verbindet
Theologie studieren bedeutet nicht, für jede umstrittene Frage eine schnelle Antwort zu erhalten. Es bedeutet, biblische Texte sorgfältig auszulegen, unterschiedliche Positionen fair zu prüfen und nach ihren Konsequenzen für Glauben und Gemeindepraxis zu fragen. Genau diese Verbindung prägt das duale Theologiestudium bei IGW.