Warum geistliche Leitung Vergebung braucht ohne Schuld und Verantwortung zu verwischen
«Ich bin ein besserer Leiter, weil du in meinem Leben warst.»
Das sage ich Samuel «Sammy» Dittmann am Anfang unseres Herzgesprächs. Wir kennen uns seit rund 15 Jahren. Wir haben zusammengearbeitet, miteinander gelacht, gerungen und schwierige Phasen durchlebt. Ich habe gesehen, wie Sammy Verantwortung übernommen hat und daran gewachsen ist. Und ich weiß, dass es Zeiten gab, in denen Verletzungen und zerbrochene Beziehungen ihn beinahe dazu gebracht hätten, den pastoralen Dienst aufzugeben.
Gerade deshalb ist mir ein Satz vom Ende unseres Gesprächs geblieben:
«Pastoren müssen Profis im Vergeben sein.»
Der Satz ist zugespitzt. Vergeben ist schließlich kein Handwerk, das man irgendwann fehlerfrei beherrscht. Auch langjährige Leiterinnen und Leiter können tief verletzt werden. Manche Kränkungen lassen sich nicht mit einer geistlichen Technik aus der Welt schaffen.
Und doch trifft Sammy einen wunden Punkt: Wer Menschen begleitet und leitet, wird früher oder später enttäuscht, kritisiert oder verletzt. Wenn wir diese Erfahrungen nicht verarbeiten, bleiben sie nicht privat. Sie fließen in unsere Predigten, Entscheidungen und Beziehungen ein. Am Ende prägt die unvergebene Verletzung nicht nur unser eigenes Herz, sondern die Kultur einer ganzen Gemeinde.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob geistliche Leiter verletzt werden. Sondern: Was geschieht mit der Verletzung, nachdem sie geschehen ist?
Wo viel Liebe ist, kann viel zerbrechen
Pastoraler Dienst ist Beziehungsarbeit. Natürlich gehören Predigtvorbereitung, Sitzungen, Strategie und Organisation dazu. Aber das Eigentliche geschieht zwischen Menschen.
Pastorinnen und Pastoren begleiten Lebenswege. Sie beten mit Menschen, tragen Krisen mit, entdecken Begabungen und erleben, wie jemand in seine Berufung hineinwächst. Sammy beschreibt genau das als eine seiner größten Freuden: Menschen entwickeln sich, übernehmen Verantwortung und werden zu dem, was Gott in sie hineingelegt hat.
Doch gerade wo Beziehungen zum Schönsten Element des Dienstes gehören, können sie auch zum Schmerzhaftesten werden.
Menschen, in die wir investiert haben, ziehen sich zurück. Vertraute kritisieren Entscheidungen. Mitarbeitende verlassen die Gemeinde und erzählen ihre Sicht der Geschichte. Gute Absichten werden missverstanden. Manchmal erkennen wir im Rückblick, dass die Kritik berechtigt war. Manchmal wird uns Unrecht getan. Oft ist die Lage komplizierter, als es die eigene Erinnerung zunächst wahrhaben möchte.
Leitung macht verwundbar. Wer Verantwortung trägt, kann nicht jede Erwartung erfüllen. Und wer Entscheidungen trifft, wird irgendwann jemanden enttäuschen.
Das rechtfertigt kein verletzendes Leitungsverhalten. Aber es erklärt, warum die Fähigkeit zu vergeben für geistliche Leitung keine Zusatzqualifikation ist. Sie gehört zum Kern des Dienstes.
Unverarbeitete Verletzungen leiten mit
Eine Verletzung verschwindet nicht dadurch, dass ich weiter funktioniere.
Ich kann am Sonntag über Gnade predigen und innerlich längst eine Anklageschrift führen. Ich kann freundlich wirken und Entscheidungen trotzdem von Misstrauen bestimmen lassen. Ich kann behaupten, eine Sache sei erledigt, während ich bei jeder neuen Kritik die alte Geschichte wieder höre.
Unverarbeitete Verletzungen werden zu einer Brille:
- Eine Enttäuschung durch Mitarbeitende macht mich kontrollierender.
- Eine ungerechte Kritik lässt mich Widerspruch als Illoyalität deuten.
- Ein Vertrauensbruch führt dazu, dass ich niemanden mehr wirklich nahe an mich heranlasse.
- Eine schmerzhafte Trennung verführt mich dazu, Menschen vorsorglich abzuwerten, bevor sie mich verlassen können.
Das Problem ist nicht nur, dass ich darunter leide. Als Leiter beginne ich, aus meiner Verletzung heraus zu führen. Die Gemeinde spürt vielleicht nicht, woher die Härte kommt. Aber sie erlebt ihre Folgen.
Darum ist Vergebung im pastoralen Dienst nie bloß Privatsache. Wer öffentlich das Evangelium der Versöhnung verkündigt, muss sich selbst immer wieder von diesem Evangelium erreichen lassen.
Das bedeutet nicht, dass ein Pastor keine Wut, Trauer oder Enttäuschung empfinden darf. Im Gegenteil: Was wir vorschnell «vergeben» nennen, ist manchmal nur verdrängter Schmerz. Ehrliche Vergebung beginnt nicht mit dem Überspringen der Verletzung, sondern mit der Wahrheit darüber, was sie in uns ausgelöst hat.
Leiter brauchen Menschen, vor denen sie nichts beweisen müssen
Sammy verarbeitet Kritik nicht nur allein mit Gott. Er bringt sie zu Menschen, die ihn gut kennen. Zu Freunden, die ihn nicht auf seine Rolle reduzieren und weder jede Kritik gegen ihn verteidigen noch jede Kritik ungeprüft übernehmen.
Solche Beziehungen sind für geistliche Leiter lebenswichtig.
Ein sicherer Freund fragt nicht nur: «Was haben die anderen dir angetan?» Er fragt auch: «Was könnte an ihrer Kritik wahr sein?» Er hilft mir, zwischen ungerechter Zuschreibung und einem schmerzhaften blinden Fleck zu unterscheiden. Er erinnert mich an meine Würde, ohne meine Verantwortung kleinzureden.
Leiterinnen und Leiter brauchen Orte, an denen sie nicht die stärkste Person im Raum sein müssen. Sie brauchen Menschen, bei denen sie klagen dürfen, ohne dass aus jeder spontanen Emotion sofort eine öffentliche Position wird. Menschen, die Vertraulichkeit wahren, mitbeten und widersprechen können.
Wer Verletzungen nur mit denen bespricht, die ohnehin die eigene Sicht bestätigen, verarbeitet sie selten. Er befestigt sie.
Sichere Freundschaften schützen deshalb nicht einfach vor Einsamkeit. Sie schützen Gemeinden vor Leitern, die ihre ungeprüfte Version eines Konflikts mit geistlicher Autorität ausstatten.
Vergebung ist nicht Versöhnung
An dieser Stelle braucht Sammy‘s zugespitzter Satz eine wichtige Ergänzung.
In christlichen Gemeinden werden vier Dinge häufig miteinander vermischt: Vergebung, Versöhnung, Vertrauen und Verantwortung. Sie gehören zusammen, sind aber nicht dasselbe.
Vergebung bedeutet: Ich verzichte auf persönliche Vergeltung. Ich überlasse das letzte Urteil Gott und weigere mich, mein Leben dauerhaft von dem bestimmen zu lassen, was der andere mir angetan hat.
Versöhnung bedeutet: Eine beschädigte Beziehung wird wiederhergestellt. Das braucht Wahrheit, die Bereitschaft zur Umkehr und Schritte von beiden Seiten. Ich kann vergeben, auch wenn der andere seine Schuld nicht einsieht. Versöhnung kann ich nicht allein herstellen.
Vertrauen ist weder ein Gebot noch die automatische Folge der Vergebung. Es wächst durch glaubwürdiges Verhalten. Wer Vertrauen zerstört hat, kann um Vergebung bitten und muss dennoch akzeptieren, dass Vertrauen langsam oder möglicherweise gar nicht in derselben Form zurückkehrt.
Verantwortung bedeutet: Unrecht wird benannt, Betroffene werden geschützt und notwendige Konsequenzen werden gezogen. Je nach Geschehen können dazu ein klärendes Gespräch, eine Aufarbeitung, der Entzug von Leitungsverantwortung oder im Extremfall auch rechtliche Schritte gehören.
Diese Unterschiede sind besonders wichtig, wenn es um Machtmissbrauch, geistlichen Missbrauch oder andere schwere Grenzverletzungen geht. Ein Ruf zur Vergebung darf niemals dazu dienen, Betroffene zum Schweigen zu bringen, eine schnelle Rückkehr zur Normalität zu erzwingen oder Leitungspersonen vor Konsequenzen zu schützen.
Ich kann einem Menschen vergeben und trotzdem Abstand halten.
Ich kann ihm Gutes wünschen und ihm dennoch keine Leitungsverantwortung mehr anvertrauen.
Ich kann auf Rache verzichten und zugleich darauf bestehen, dass die Wahrheit ans Licht kommt.
Christliche Vergebung ist keine Amnesie. Sie nennt das Böse nicht gut. Sie befreit uns davon, selbst zum Richter über den endgültigen Wert und das endgültige Schicksal des anderen werden zu müssen.
Die Schuldfrage ist nur begrenzt relevant
Sammy sagt im Gespräch sinngemäss: Entscheidend sei nicht, wer schuld ist, sondern wer Verantwortung für Veränderung übernehmen kann.
Ich verstehe, was er meint. Konflikte können sich endlos um die Frage drehen, wer angefangen hat. Jeder verteidigt die eigene Version, niemand macht den ersten Schritt. In solchen Situationen ist die Frage stark: Welche Verantwortung kann ich übernehmen unabhängig davon, wer Schuld hat oder was der andere tut?
Ich kann mein Verhalten prüfen. Ich kann mich für meinen Anteil entschuldigen. Ich kann Grenzen setzen. Ich kann Hilfe holen. Ich kann mich entscheiden, die Bitterkeit nicht weiter zu füttern.
Anderseits ist Schuldfrage natürlich nicht völlig irrelevant.
Wenn Menschen verletzt wurden, muss gefragt werden, was tatsächlich geschehen ist. Verantwortung ohne Wahrheit wird diffus. Wer seine Macht missbraucht hat, darf sich nicht hinter dem Satz verstecken, alle Beteiligten müssten nun eben ihren Anteil übernehmen. Nicht jede Konfliktpartei besitzt gleich viel Macht. Nicht jede trägt gleich viel Schuld. Und nicht jede ist gleichermaßen für die Wiederherstellung verantwortlich.
Gerade geistliche Leitung muss beides zusammenhalten:
Ich übernehme Verantwortung für mein Herz und wir klären Verantwortung für das geschehene Unrecht.
Das Erste verhindert Bitterkeit. Das Zweite verhindert Vertuschung.
Wer nur nach Schuld sucht, kann in Anklage stecken bleiben. Wer die Schuldfrage grundsätzlich ablehnt, riskiert, Wahrheit und Schutz zu verlieren. Das Evangelium ruft uns weder zur Vergeltung noch zum Verschweigen. Es führt uns in eine Wahrheit, die Umkehr ermöglicht, und in eine Gnade, die Menschen nicht auf ihre schlimmste Tat reduziert.
Woran merke ich, dass ich vergeben habe?
Vergebung ist selten ein einziger, abschließender Moment. Manchmal treffe ich eine klare Entscheidung und merke Wochen später, dass eine Erinnerung die alte Wut wieder lebendig macht. Dann ist der wiederkehrende Schmerz nicht automatisch der Beweis, dass meine Vergebung unecht war.
Tiefe Wunden heilen oft in Schichten. Vergebung kann eine Entscheidung sein, zu der ich immer wieder zurückkehre.
Sammy nennt im Gespräch drei praktische Prüfsteine. Sinngemäß gefragt:
- Muss ich der Person innerlich noch immer meine ganze Anklage vortragen?
- Kann ich ihr ehrlich Gutes wünschen?
- Kann ich sie als Menschen annehmen, ohne ihr Verhalten gutzuheißen?
Diese Fragen sind anspruchsvoll. Sie zielen nicht darauf, ob ich die Erinnerung gelöscht habe oder wieder Nähe herstellen möchte. Sie fragen, ob der andere in meinem Inneren weiterhin nur als Feind existiert.
Vielleicht besteht ein erster Schritt darin, Gott ungeschönt zu sagen, was geschehen ist. Die Klagepsalmen zeigen, dass Glaube den Schmerz nicht beschönigen muss. Ich darf Wut, Enttäuschung und sogar meinen Wunsch nach Vergeltung vor Gott bringen. Gerade dort kann ich beginnen, das Urteil aus meinen Händen zu geben.
Bei schweren Verletzungen braucht dieser Weg Zeit, sichere Begleitung und manchmal professionelle Hilfe.
Ein Profi im Vergeben ist deshalb nicht jemand, den nichts mehr verletzt. Es ist jemand, der gelernt hat, Verletzungen nicht zu leugnen, sie nicht zur Identität werden zu lassen und mit ihnen immer wieder zum Kreuz zu gehen.
Das Endprodukt pastoraler Arbeit ist Liebe
Ein zweiter Satz Sammy‘s gibt dem Thema seine Richtung:
«Das Endprodukt pastoraler Arbeit ist Liebe.»
Wir messen geistliche Leitung gern an sichtbaren Ergebnissen: Besucherzahlen, Wachstum, neuen Angeboten, guter Kommunikation oder gesellschaftlicher Reichweite. Diese Dinge können wertvoll sein. Aber sie sagen noch nicht, welche Menschen wir dabei werden.
Paulus beschreibt Liebe nicht als freundliche Stimmung. Sie ist langmütig und gütig. Sie sucht nicht das Ihre, lässt sich nicht zum Zorn reizen und rechnet das Böse nicht zu. Diese Liebe ist nicht naiv. Im selben Abschnitt freut sie sich an der Wahrheit.
Genau diese Verbindung brauchen wir: eine Liebe, die das Böse nicht aufrechnet, und eine Liebe, die sich an der Wahrheit freut.
Wenn pastorale Arbeit Liebe hervorbringen soll, zeigt sich ihre Reife nicht nur darin, wie wir Menschen begleiten, die uns dankbar sind. Sie zeigt sich auch darin, wie wir über diejenigen sprechen, die uns enttäuscht haben. Ob wir Grenzen setzen können, ohne zu entmenschlichen. Ob wir Kritik prüfen können, ohne an ihr zu zerbrechen. Ob wir Schuld benennen können, ohne von Rache bestimmt zu werden.
Vielleicht ist das eine der härtesten Prüfungen geistlicher Leitung: Verkündige ich nur Vergebung oder lasse ich mich selbst von ihr verändern?
Was nützt Theologie, wenn das Herz bitter bleibt?
Am Ende unseres Gesprächs formuliere ich eine Frage, die mich auch im Blick auf theologische Bildung beschäftigt:
Was nützt es, die ganze Theologie im Kopf zu haben, wenn das Herz bitter bleibt?
Natürlich ist gründliche Theologie wichtig. Gerade in Konflikten brauchen wir ein tragfähiges Verständnis von Schuld, Gnade, Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung. Unklare Theologie kann großen Schaden anrichten. Etwa wenn Vergebung benutzt wird, um Schutz und Konsequenzen zu umgehen.
Doch theologisches Wissen allein formt noch keinen reifen Leiter.
Bei IGW verbinden wir theologisches Lernen deshalb mit Gemeindepraxis, persönlicher Begleitung und geistlicher Formung. Im dualen Studium erleben Studierende nicht nur, wie man über Vergebung denkt. Sie begegnen realen Konflikten, eigener Kritikfähigkeit, Enttäuschungen und der Frage, wie ihr Gottesbild ihre Leitung prägt.
Ein Studium kann niemandem die Verletzungen des Dienstes ersparen. Es kann aber Räume schaffen, in denen Menschen lernen, sich selbst wahrzunehmen, Feedback zu prüfen, Grenzen zu achten und das Evangelium nicht nur zu erklären, sondern auf das eigene Herz anzuwenden.
Vielleicht brauchen wir in der Ausbildung geistlicher Leiter deshalb nicht weniger Fachlichkeit, sondern ein umfassenderes Verständnis davon, wozu sie dienen soll. Theologie soll uns helfen, wahrhaftiger zu glauben, verantwortlicher zu leiten und tiefer zu lieben.
Vergebung hält das Herz frei
«Pastoren müssen Profis im Vergeben sein.»
Nach unserem Gespräch würde ich diesen Satz so verstehen: Geistliche Leiter müssen Vergebung einüben, weil sie sonst Gefahr laufen, aus alten Wunden heraus zu leiten. Nicht schmerzfrei. Und niemals auf Kosten von Wahrheit, Schutz oder Verantwortung.
Vergebung sagt nicht: Es war nicht schlimm.
Sie sagt: Was geschehen ist, soll nicht bestimmen, wer ich werde.
Sie stellt Vertrauen nicht automatisch wieder her. Sie erzwingt keine Versöhnung. Sie verhindert keine Konsequenzen. Aber sie hält mein Herz davon ab, sich dauerhaft an die Schuld eines anderen zu binden.
Geistliche Leitung braucht diese Freiheit. Denn das Ziel unseres Dienstes ist nicht, dass wir jede Auseinandersetzung gewinnen oder am Ende mit unserer Version der Geschichte recht behalten.
Das Ziel ist Liebe.
Eine Liebe, die sich an der Wahrheit freut.
Eine Liebe, die Menschen schützt.
Eine Liebe, die Grenzen setzen kann.
Und eine Liebe, die sich weigert, Bitterkeit das letzte Wort zu überlassen.
Blogartikel
von Daniel Janzen
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Im vollständigen Herzgespräch spreche ich mit Samuel «Sammy» Dittmann über Berufung, den Alltag eines Pastors, Freundschaft, Kritik und die Frage, weshalb geistliche Leiter vergeben lernen müssen.
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Theologie dual studieren
Im dualen IGW-Theologiestudium werden gründliches theologisches Lernen, konkrete Gemeindepraxis und persönliche Entwicklung miteinander verbunden. Studierende lernen nicht nur, theologisch zu urteilen, sondern auch, Verantwortung zu übernehmen und ihr eigenes Leitungshandeln zu reflektieren.
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