Jüngerschaft braucht mehr als gute Gottesdienste: Was mich im Gespräch mit Matthias «Kuno» Kuhn inspiriert hat.
Am Freitagabend saß ich in einer großen Halle auf einer Jugendkonferenz. Rund 2000 Menschen waren da. Ich wusste: Am nächsten Morgen würde ich auf derselben Bühne predigen.
Dann kam Kuno.
Ich hatte seinen Namen auf dem Programm gelesen, kannte ihn aber noch nicht. Er begann zu predigen und er war gut. Richtig gut! Kuno war so gut, dass ich in der folgenden Nacht schlecht schlief. Wie sollte ich am nächsten Morgen nach diesem Auftritt auf dieselbe Bühne steigen?
Natürlich wusste ich auch damals schon, dass ich nicht Kuno sein musste. Ich musste meinen eigenen Auftrag wahrnehmen und auf meine Weise predigen. Trotzdem ist mir diese erste Begegnung geblieben: Kuno konnte einen großen Raum einnehmen, Menschen erreichen und begeistern.
Jahre später saß ich ihm für ein Herzgespräch gegenüber. Dabei wurde noch einmal besonders anschaulich, was mich auch in meiner eigenen Arbeit seit Langem beschäftigt: Gute Verkündigung ist wichtig. Geistliches Wachstum lässt sich jedoch nicht am Applaus nach einer Predigt ablesen.
Ausgerechnet dieser begabte Prediger erzählte mir, wie die erfolgreiche Bühne für ihn zu einer geistlichen Krise wurde. Seine Gemeinde feierte kreative, charismatische und generationenübergreifende Gottesdienste. Die Stimmung war gut. Die Menschen kamen gerne.
Aber Kuno vermisste etwas Entscheidendes: Sie wurden dadurch nicht automatisch mündiger.
„Ich wollte nicht Applaus. Ich wollte Wachstum sehen.“
Dieser Satz trifft einen empfindlichen Punkt. Denn Applaus ist unmittelbar. Wachstum ist langsam. Begeisterung lässt sich im Raum spüren. Ob ein Mensch lernt, Jesus am Montagmorgen zu vertrauen, verantwortliche Entscheidungen zu treffen, zu vergeben, zu beten und anderen zu dienen, zeigt sich oft erst viel später.
Wenn Erfolg nicht hervorbringt, was Jesus sucht
Kuno und sein Team hatten vieles erreicht, wonach Gemeinden streben. Die Gottesdienste waren lebendig. Die Menschen reagierten. Kuno wusste, wie man eine Bühne gestaltet und eine Botschaft vermittelt.
Er blickt darauf nicht verächtlich zurück. Und auch ich möchte Predigt, Lobpreis und gemeinsame Gottesdienste nicht kleinreden. Sie können Glauben wecken, Orientierung geben, Menschen in die Gegenwart Gottes führen und eine Gemeinschaft sammeln. Eine gute Predigt kann ein entscheidender Moment auf einem langen Glaubensweg sein.
Das Problem beginnt dort, wo wir die unmittelbare Wirkung eines Gottesdienstes mit langfristiger geistlicher Reife verwechseln.
Kuno beschrieb seine damalige Rolle zugespitzt als die eines „Showmasters der Kirche“. Er verfügte über die Gaben, Menschen Sonntag für Sonntag zu begeistern. Aber tief in ihm wuchs die Frage: Werden die Menschen befähigt, selbst mit Gott zu leben oder werden sie davon abhängig, dass ich ihnen immer wieder geistliche Nahrung serviere?
Diese Frage betrifft nicht nur besonders inszenierte Gottesdienste. Auch eine theologisch starke Predigt kann Menschen zu Zuhörenden machen, ohne sie darin zu unterstützen, das Gehörte selbst zu prüfen und zu leben. Gute Lehre ist unverzichtbar. Aber sie erreicht ihr Ziel nicht schon dann, wenn sie verstanden oder bewundert wird. Jesus spricht im Missionsauftrag davon, Menschen zu lehren, alles zu halten, was er geboten hat. Es geht um ein Leben, das seine Worte in die Tat übersetzt.
Ein bewegender Gottesdienst kann ein wichtiger Moment auf diesem Weg sein. Aber er ist noch nicht der ganze Weg.
Die Frage, die Kuno nicht mehr losließ
In diese Zeit hinein stellte ein Freund Kuno eine Frage:
„Wer sind eigentlich deine Timotheusse?“
Kuno fand sie zunächst wenig interessant. Viel spannender schien ihm die Frage, auf welchen Bühnen er gepredigt und wie viele Menschen er erreicht hatte.
Doch die Frage blieb hängen:
- In welche Menschen investiere ich mich persönlich?
- Wer darf mir beim Glauben und Leben aus der Nähe zusehen?
- Wen begleite ich so, dass diese Person später wiederum andere begleiten kann?
Reichweite ist sichtbar. Geistliche Elternschaft geschieht häufig verborgen. Die eine lässt sich in Besucherzahlen, Aufrufen oder Rückmeldungen ausdrücken. Die andere wächst in Gesprächen, gemeinsamen Wegen, geteilten Mahlzeiten, ehrlichen Fragen und unspektakulären Wiederholungen.
Auch das ist kein Entweder-oder. Paulus predigte öffentlich und investierte sich zugleich persönlich in Menschen wie Timotheus. Kuno musste nicht entdecken, dass seine Begabung zum Predigen wertlos war. Er musste neu ordnen, welchem Ziel sie dienen sollte.
Im Gebet entstand für ihn der Eindruck, die Bühnen für eine Zeit weitgehend zu verlassen und sich in wenige Menschen zu investieren. Das traf ihn. Die Bühne war ein Ort, an dem seine Gaben sichtbar wurden und an dem sich weitere Möglichkeiten eröffneten. Nun sollte er einen Weg einschlagen, der sich zunächst eher wie Zeitverschwendung anfühlte.
Aber genau dort, begann eine andere Form von Frucht zu wachsen.
Jesus berief Menschen zuerst, bei ihm zu sein
Kuno las das Neue Testament mit einer neuen Frage und entdeckte Bekanntes noch einmal anders. Markus berichtet, dass Jesus die Zwölf einsetzte, „damit sie bei ihm seien“ und damit er sie aussende.
Das Bei-ihm-Sein war kein nebensächliches Vorprogramm zur eigentlichen Ausbildung. Es war ein wesentlicher Teil der Ausbildung.
Die Jünger hörten nicht nur Jesu Lehre. Sie erlebten, wie er Menschen begegnete, wie er mit Widerstand umging, wie er betete, diente, Grenzen setzte und auf Versagen reagierte. Sie konnten Fragen stellen, scheitern, korrigiert werden und es erneut versuchen. Die Botschaft war nicht von dem Menschen zu trennen, der sie verkörperte.
Kuno fand denselben Zusammenhang bei Paulus. In 1. Thessalonicher 2 beschreibt Paulus seinen Dienst mit der fürsorglichen Nähe einer Mutter und der persönlichen Zuwendung eines Vaters. Er gab den Menschen nicht nur das Evangelium weiter, sondern ließ sie an seinem eigenen Leben teilhaben.
Damit wird Jüngerschaft mehr als Wissensvermittlung:
Menschen müssen nicht nur hören, was christliches Leben bedeutet. Sie brauchen Orte, an denen sie sehen und einüben können, wie es gelebt wird.
Dieser Gedanke ist nicht neu. Er gehört ins Zentrum des Neuen Testaments und prägt auch unser Bildungsverständnis bei IGW. Kunos Lebensweg hat ihn in unserem Gespräch jedoch besonders konkret gemacht. Er sprach nicht über ein Ideal, dass man einer Gemeinde als weiteres Konzept präsentieren könnte. Er erzählte davon, was es ihn selbst gekostet hatte, Lehre und Leben wieder zusammenzubringen.
Als die Bühne dem geteilten Leben Platz machte
Für eine bestimmte Zeit feierte Kunos Gemeinde weiterhin nur einmal im Monat einen gemeinsamen Gottesdienst. Die übrige Energie floss nicht einfach in die Vorbereitung weiterer Veranstaltungen. Kuno verbrachte ganze Tage mit einzelnen Menschen. Manche begleitete er sogar an ihren Arbeitsplatz.
Er stand in Betrieben, kannte die Abläufe nicht und fragte sich mehr als einmal, was er dort eigentlich tat. Teilweise fühlte er sich wie ein Lehrling am ersten Arbeitstag. Aber gerade diese Nähe öffnete einen Raum, den ein Gespräch nach dem Gottesdienst kaum schaffen konnte.
Arbeit, Beziehungen, Gebet, Entscheidungen und Scheitern waren nicht länger voneinander getrennte Themen. Menschen erlebten, was Glaube mit ihrem tatsächlichen Alltag zu tun hatte. Kuno wiederum sah genauer, wo ihre Fragen lagen und was seine eigenen Worte im wirklichen Leben bedeuteten.
Allmählich beobachtete er etwas, das er mit den besten Gottesdiensten nicht hatte herstellen können: Menschen entwickelten Hunger nach der Bibel, weil Lehre und Leben zusammenkamen.
Das Beispiel vom Arbeitsplatz ist keine Methode, die jede Pastorin und jeder Pastor kopieren muss. Auch die damalige Gottesdienstfrequenz ist kein allgemeines Modell für jede Gemeinde. Kuno hatte beim Gemeindeaufbau ein vergleichsweise weisses Blatt vor sich. Bestehende Kirchen tragen andere Verantwortungen und können ihre Strukturen nicht einfach von heute auf morgen umstellen.
Die übertragbare Frage bleibt dennoch:
Fließt unsere beste Zeit hauptsächlich in Programme oder auch in Menschen?
Jüngerschaft ist kein zusätzliches Programm
Viele Gemeinden reagieren auf ein wichtiges Thema, indem sie einen Kurs anbieten. Das kann sinnvoll sein. Ein guter Jüngerschaftskurs vermittelt biblische Grundlagen und das ist gut so.
Aber Jüngerschaft lässt sich nicht einfach als weiterer Programmpunkt in einen bereits vollen Kalender einbauen.
Wenn sich am grundlegenden Gemeindeverständnis nichts verändert, bleibt auch der neue Kurs leicht bei dem, was wir schon kennen: Einige lehren, die anderen hören zu. Der Inhalt handelt dann von Jüngerschaft, während die Form weiterhin kaum geteiltes Leben ermöglicht.
Jüngerschaft fordert mehr als einen freien Abend:
- unsere Zeit und Aufmerksamkeit,
- die Bereitschaft, das eigene Leben zu öffnen,
- Geduld mit langsamen Wachstumsprozessen,
- Ehrlichkeit über Fragen und eigenes Scheitern,
- und den Mut, Verantwortung nicht nur zu erklären, sondern zu übertragen.
Kuno formulierte es im Gespräch sehr klar: Er kann nichts weitergeben, was er nicht lebt.
Genau darin liegt die Herausforderung für Leitende. Eine Predigt kann ich am Schreibtisch vorbereiten. Ich kann studieren, lesen, denken und einen guten Text schreiben. Doch wenn Menschen mein Leben aus der Nähe sehen, reicht es nicht, die richtige Antwort zu formulieren. Dann wird sichtbar, wie ich selbst mit Druck, Konflikten, Enttäuschungen und geistlicher Trockenheit umgehe.
Das macht Jüngerschaft anspruchsvoll. Aber es verändert auch die begleitende Person. Wer weiß, dass andere nicht nur auf seine Worte, sondern auf sein Leben achten, wird selbst neu an die Quelle gedrängt.
Menschen brauchen keine perfekten Vorbilder
An dieser Stelle entsteht schnell ein Einwand: Wer bin ich, dass jemand meinem Leben zusehen sollte?
Viele ältere Christinnen und Christen haben selbst nie bewusst geistliche Vaterschaft oder Mutterschaft erlebt. Sie fühlen sich ungenügend vorbereitet. Manche denken, ihre Biografie sei nicht vorbildlich genug. Andere zweifeln daran, dass jüngere Menschen sich überhaupt für ihr Leben interessieren.
Kunos Antwort hat eine entlastende Nüchternheit: Wir müssen nicht weitergeben, was wir nicht haben. Aber wir können teilen, was Gott uns gegeben hat.
Ein geistliches Vorbild ist kein unantastbarer Held. Es muss nicht für jede Frage eine Antwort besitzen. Gerade das ehrliche Erzählen von Fehlern, Zweifeln und Lernwegen kann anderen helfen. Menschen müssen nicht nur sehen, wie Glaube gelingt. Sie dürfen auch erleben, wie Christinnen und Christen mit Unsicherheit umgehen, um Vergebung bitten und nach einem Scheitern neu beginnen.
Im Gespräch sagte Kuno, dass Menschen für jüngere Generationen attraktiv werden, wenn sie die Türen zu ihrem wirklichen Leben öffnen nicht, wenn sie möglichst jugendlich auftreten oder deren Sprache imitieren.
Vielleicht beginnt Jüngerschaft deshalb viel unspektakulärer, als wir denken: mit einem regelmäßigen Spaziergang, einem gemeinsamen Essen, einer offenen Tür, einem ehrlichen Gebet oder der Einladung, eine Zeit lang am eigenen Alltag teilzunehmen.
Wir brauchen dafür nicht zuerst eine perfekte Jüngerschaftsbiografie. Wir dürfen mit den fünf Broten und zwei Fischen beginnen, die wir tatsächlich haben.
Nähe muss der Mündigkeit dienen
Die Sprache von geistlichen Vätern, Müttern und Kindern kann Wärme, Verantwortung und Zugehörigkeit ausdrücken. Sie braucht zugleich einen klaren Schutz: Geistliche Nähe darf nicht in Kontrolle umschlagen.
Gesunde Jüngerschaft bedeutet nicht, persönliche Entscheidungen für andere zu treffen, Offenheit zu erzwingen oder Menschen von einer Leitungsperson abhängig zu machen. Ein Begleiter formt keine Kopien seiner selbst. Er hilft Menschen, Jesus nachzufolgen, Verantwortung zu übernehmen und ihrerseits anderen zu dienen.
Das Ziel ist Mündigkeit.
Gerade hierin berühren sich Kunos Ausgangsfrage und sein späterer Weg. Er wollte keine Gemeinde, die davon abhängig blieb, dass der Pastor ständig für geistliche Versorgung sorgte. Deshalb durfte auch die persönliche Begleitung nicht zu einer neuen, noch engeren Abhängigkeit führen.
Gute geistliche Elternschaft macht sich langfristig entbehrlich. Sie gibt weiter, lässt wachsen, überträgt Verantwortung und freut sich, wenn geistliche Söhne und Töchter eigene Wege mit Jesus gehen.
Dabei braucht auch die begleitende Person Beziehungen auf Augenhöhe und Menschen, von denen sie selbst lernen kann. Geistliche Elternschaft ist keine Position über anderen. Sie ist eine Form des Dienens innerhalb des Leibes Christi, in dem wir alle Empfangende und Gebende bleiben.
Was das für theologische Bildung bedeutet
Kunos Kernfrage – wie Lehre und Leben zusammenkommen – berührt unmittelbar das duale Theologiestudium.
Theologische Bildung ist wichtig. Wer Menschen verantwortungsvoll begleiten und Gemeinden leiten will, braucht eine fundierte Auseinandersetzung mit der Bibel, der Geschichte des Glaubens und den großen theologischen Fragen. Geistliche Praxis wird nicht dadurch reif, dass sie auf sorgfältiges Denken verzichtet.
Aber Theologie erreicht ihr Ziel nicht allein im Seminarraum.
Darum verbinden wir bei IGW das Studium bewusst mit der Mitarbeit in einer Gemeinde oder einem anderen Praxisfeld. Studierende sollen theologische Erkenntnisse nicht nur wiedergeben. Sie müssen erleben, wie diese Erkenntnisse auf Menschen, Konflikte, Entscheidungen und den eigenen Charakter treffen.
Die Praxis ist dabei nicht bloß der Ort, an dem man nachträglich anwendet, was vorher theoretisch gelernt wurde. Sie ist selbst ein Lernort. Dort werden Fragen sichtbar, die im Unterricht vielleicht verborgen geblieben wären. Dort zeigt sich, ob eine theologische Überzeugung im wirklichen Leben trägt. Und dort können Erkenntnisse Wurzeln schlagen, weil sie nicht nur gedacht, sondern eingeübt werden.
Ein duales Studium schafft allerdings nicht automatisch Jüngerschaft. Auch ein praxisorientiertes Studium kann äußerlich bleiben. Entscheidend sind Menschen, die Studierende wirklich begleiten: die Einblick geben, ehrliches Feedback ermöglichen, gemeinsam reflektieren und schrittweise Verantwortung übertragen.
Theologie, Praxis und persönliche Begleitung gehören deshalb zusammen. Nicht weil Denken unwichtig wäre, sondern weil Wahrheit darauf zielt, Gestalt anzunehmen.
Wer sind deine Timotheusse?
Kunos Geschichte hat eine Frage neu geschärft, die für Gemeinden, Ausbildungsstätten und Leitende zentral ist: Woran messen wir Frucht?
Gute Predigten können Menschen bewegen. Gottesdienste können begeistern. Veranstaltungen können Glauben wecken. All das darf seinen Platz haben.
Aber Applaus ist noch kein Wachstum.
Vielleicht beginnt Jüngerschaft dort, wo wir nicht länger nur fragen, wie viele Menschen uns zuhören, sondern wem wir erlauben, unser Leben aus der Nähe zu sehen.
Deshalb bleibt Kunos Frage auch bei mir hängen:
Wer sind deine Timotheusse?
Blogartikel
Von Daniel Janzen
Die ganze Folge ansehen
Im vollständigen Herzgespräch spreche ich mit Matthias «Kuno» Kuhn darüber, wie Lehre und Leben zusammenkommen, warum Jüngerschaft nicht nebenbei geschieht und was es bedeutet, das eigene Leben für andere zu öffnen. Interview auf YouTube ansehen.
Kunos Buch zur Jüngerschaft
In seinem Buch Jüngerschaft – Wie bringen wir Leben und Lehre zusammen? entfaltet Kuno die Gedanken des Gesprächs ausführlicher und zeigt, warum Jüngerschaft zum Kernauftrag von Gemeinde gehört. Mehr über das Buch erfahren.
Theologie dual studieren
Im dualen IGW-Theologiestudium werden fundiertes theologisches Lernen, konkrete Gemeindepraxis und persönliche Begleitung miteinander verbunden. So kann Theologie nicht nur verstanden, sondern im eigenen Leben und Dienst erprobt werden. Mehr über das Bachelorstudium bei IGW erfahren.
