Was ich von Christian Haslebacher über eine Sprache gelernt habe, die Menschen erreicht
Christian Haslebacher wollte seinem Nachbarn ein Buch schenken. Eines, das verständlich erklärt, weshalb das Evangelium eine schöne, kraftvolle und relevante Botschaft ist.
Doch er fand kein Buch, das ihm dafür passend erschien.
Also schrieb er selbst eines.
Diese Geschichte ist mir geblieben. Denn sie beginnt nicht mit einer theologischen Debatte, einer gesellschaftlichen Analyse oder einer neuen Methode der Evangelisation. Sie beginnt mit einem konkreten Menschen. Christian hatte seinen Nachbarn vor Augen und fragte sich: Wie kann ich ihm erklären, weshalb diese Botschaft so gut ist?
Viele Christinnen und Christen sind überzeugt, dass das Evangelium wahr ist. Wir haben Argumente gesammelt, Glaubenssätze formuliert und gelernt, seine Inhalte zu verteidigen. Das ist wichtig. Trotzdem fällt es uns manchmal schwer, mit freudigem Gesicht und geradem Rücken davon zu sprechen.
Vielleicht liegt das auch daran, dass wir seine Wahrheit bekennen, seine Schönheit aber selbst kaum noch wahrnehmen. Wir wissen, was wir glauben. Doch klingt es für uns noch wie eine gute Nachricht?
Im Gespräch mit Christian wurde mir neu deutlich: Das Evangelium muss nicht schöner gemacht werden. Es besitzt eine eigene Schönheit. Und es muss nicht durch unsere Überzeugungskraft wirksam werden. Es trägt Gottes Kraft in sich. Unsere Aufgabe besteht darin, es so zu verstehen und in Worte zu fassen, dass Menschen beides erkennen können.
Eine Schönheit, die das Kreuz nicht ausblendet
Bei der Kraft des Evangeliums können sich viele von uns sofort etwas vorstellen. Doch ist eine Geschichte schön, in deren Zentrum Verrat, Gewalt, Blut und ein gekreuzigter Messias stehen?
Christian blendet diese dunklen Seiten nicht aus. Die Schönheit des Evangeliums besteht nicht darin, das Kreuz angenehm erscheinen zu lassen. Sie zeigt sich darin, wer Gott auf diesem Weg für uns ist.
Gott wird Mensch. Er bleibt nicht auf Distanz, sondern identifiziert sich mit uns und macht unsere Not zu seiner Not. In Jesus begegnet er Menschen mit einer Liebe, die selbst dort spürbar bleibt, wo Jesus sie herausfordert oder kritisiert. Schließlich gibt er sein Leben für uns hin.
Am Tag nach der Kreuzigung sah diese Geschichte allerdings nicht schön aus. Die Hoffnung der Jüngerinnen und Jünger war zerbrochen. Niemand rechnete mehr damit, dass Jesus der Messias sein könnte.
Dann kam die Auferstehung.
Der Tod behielt nicht das letzte Wort. Der Gekreuzigte lebt. Und weil er lebt, eröffnet sich auch für uns eine Hoffnung, die über den Tod hinausreicht. Jesus lädt uns ein, schon heute an seiner guten Zukunft mitzuwirken und etwas von seinem Reich in dieser Welt sichtbar zu machen.
Kreuz und Auferstehung gehören deshalb zusammen. Die Schönheit des Evangeliums ist keine oberflächliche Ästhetik. Es ist die Schönheit einer Liebe, die in das Leiden hineingeht, das Böse trägt und den Tod überwindet.
Christian stellt diese Schönheit nicht gegen die Wahrheit. Aber er erinnert uns daran, dass Menschen nicht nur fragen, ob eine Botschaft stimmt. Sie fragen auch: Ist diese Geschichte gut? Ist sie wünschenswert? Möchte ich Teil davon sein?
Schönheit ersetzt die Wahrheitsfrage nicht. Doch sie kann ein Fenster öffnen, durch das Menschen die Wahrheit neu betrachten.
Wer das Evangelium weitergibt, bleibt sein Empfänger
Christian hat seine fünf zentralen Begriffe nicht zuerst bei einer Zielgruppenanalyse gefunden. Er fragte nicht nur, welche Worte bei kirchenfernen Menschen gut ankommen. Liebe, Würde, Versöhnung, Zuversicht und Wirksamkeit mussten zunächst in seiner eigenen Seele etwas zum Klingen bringen.
Er erzählte, dass er in seiner Schulzeit Entwürdigendes erlebt hatte. Die Erkenntnis, als Sohn des himmlischen Königs eine unantastbare Würde zu besitzen, berührte deshalb zuerst ihn selbst. Auch der Gedanke, dass Vergebung nicht das Ende, sondern ein Schritt auf dem Weg zur Versöhnung ist, wurde für ihn persönlich zur guten Nachricht.
Das schützt sein Anliegen vor einem großen Missverständnis. Es geht nicht darum, eine alte Botschaft mit moderneren Begriffen besser zu verkaufen. Es geht darum, tiefer zu verstehen, was das Evangelium tatsächlich bedeutet, und dafür Worte zu finden, die sowohl biblisch als auch verständlich sind.
Christian formuliert dazu einen Satz, der es auf den Punkt bringt:
„Ich bin immer auch Empfänger des Evangeliums.“
Wenn wir predigen, lehren oder mit unserem Nachbarn über den Glauben sprechen, stehen wir nicht auf der einen Seite als diejenigen, die alles verstanden haben, während auf der anderen Seite die Unwissenden sitzen. Wir trinken aus derselben Quelle. Wir reichen ein Brot weiter, von dem wir selbst leben.
Wenn dieses Brot uns nicht mehr schmeckt, wird unser Gegenüber es merken. Wenn das Evangelium für uns nur noch Lehrstoff, Beruf oder eine Botschaft für andere geworden ist, verlieren unsere Worte ihre Wärme.
Eine Sprache, die Menschen erreicht, beginnt deshalb nicht mit einem Kommunikationstrick. Sie beginnt damit, dass das Evangelium mich selbst erreicht.
Die Geschichte beginnt mit Gottes Liebe
Wer das Evangelium erklärt, beginnt häufig bei der Sünde des Menschen. Christian beginnt bei der Liebe Gottes.
Das Evangelium beginnt nicht mit unserer Bewegung zu Gott, sondern mit Gottes Bewegung zu uns. Er wird Mensch. Er sucht uns. Er liebt, bevor wir angemessen antworten können.
Das macht Sünde nicht bedeutungslos. Im Gegenteil. Erst vor dem Hintergrund von Liebe und Würde wird sichtbar, was Sünde zerstört. Doch der erste Satz über einen Menschen lautet nicht: Du bist ein Problem. Er lautet: Du bist von Gott geschaffen, geliebt und gewürdigt.
Das ist schön. Und es ist kraftvoll, weil eine solche Liebe einen Menschen nicht klein macht, sondern ihn gewinnen kann.
Sünde verletzt eine Würde, die Gott gegeben hat
Christian verzichtet nicht auf den Begriff der Sünde. Er weiß aber, dass viele Menschen darunter heute kaum mehr verstehen als ein Stück Kuchen zu viel. Der Satz „Du bist ein Sünder“ schafft deshalb nicht automatisch Klarheit. Er kann eine Person auch abwehren lassen, bevor ein ehrliches Gespräch überhaupt begonnen hat.
Christian wählt einen anderen Zugang:
„Du hast sicher auch schon, wie ich, Dinge getan, die eigentlich unter deiner Würde waren.“
In diesem Satz wird Sünde weder verharmlost noch umbenannt. Sie wird in ihrer Wirkung beschrieben.
Wir handeln unter unserer eigenen Würde. Wir entwürdigen andere Menschen. Und weil Gott der Schöpfer und Geber dieser Würde ist, richtet sich diese Entwürdigung auch gegen ihn.
Diese Sprache lässt uns nicht als distanzierte Beobachter auf das Böse in Politik und Gesellschaft schauen. Sie führt zur ehrlichen Frage nach dem eigenen Leben. Wo habe ich einen Menschen benutzt? Wo habe ich durch Worte verletzt? Wo habe ich meine eigene Würde missachtet? Wo bin ich hinter dem Leben zurückgeblieben, zu dem Gott mich geschaffen hat?
Mir gefällt, dass Christian diese Frage nicht von oben herab stellt. Er sagt nicht nur: Du hast Dinge getan, die unter deiner Würde waren. Er sagt: Du hast, wie ich, solche Dinge getan.
Wir alle haben die Würde anderer angetastet, obwohl sie von Gott her unantastbar ist. Wir alle brauchen Vergebung. Und wir alle brauchen mehr als Vergebung.
Gott sucht nicht nur den Handschlag
Vergebung ist unverzichtbar. Schuld braucht einen wirklichen Umgang. Sie darf nicht geleugnet, verdrängt oder schöngeredet werden.
Doch Christian weist darauf hin, dass Vergebung noch nicht das ganze Ziel beschreibt. Er verwendet dafür ein einprägsames Bild:
„Vergebung ist wie ein Handschlag. Versöhnung ist wie eine Umarmung.“
Ein Handschlag kann ausdrücken: Die Schuldfrage ist geklärt. Die Rechnung ist beglichen. Wir gehen nicht weiter gegeneinander vor.
Eine Umarmung geht weiter. Sie stellt Beziehung wieder her. Gott möchte nicht nur einen juristischen Fall abschließen. Er möchte uns als Vater in seine Nähe ziehen. Er sucht nicht lediglich Frieden im Sinne eines beendeten Konflikts. Er sucht Gemeinschaft.
Hier wird für mich die Schönheit des Evangeliums besonders sichtbar. Gott vergibt nicht widerwillig aus großer Entfernung. Er bahnt einen Weg zurück in seine Nähe.
Doch auch an dieser Stelle wird die Botschaft nicht weichgespült. Christian hält daran fest, dass Gott zugleich Richter ist. Das ist keine peinliche Restkategorie, die wir für eine schönere Version des Evangeliums lieber verschweigen sollten.
Gerade Menschen, deren Würde brutal verletzt wurde, brauchen die Hoffnung, dass Gott das Böse nicht gleichgültig übersieht. Es wird Gerechtigkeit geben. Gott wird aussprechen, dass das erlittene Unrecht nicht in Ordnung war.
Versöhnung bedeutet deshalb nicht, Schuld zu verharmlosen oder Opfer zu einer schnellen Umarmung zu drängen. Die Schönheit des Evangeliums liegt nicht in einem Gott, der über das Böse hinwegschaut. Sie liegt in einem Gott, der das Böse ernst nimmt, Vergebung ermöglicht, Gerechtigkeit schafft und zerbrochene Beziehungen heilen will.
Zuversicht, die heute Kraft freisetzt
Christliche Hoffnung wird manchmal auf das Jenseits verkürzt. Jesus vergibt mir, und deshalb darf ich zuversichtlich sein, nach dem Tod in den Himmel zu kommen.
Diese Hoffnung über den Tod hinaus gehört für Christian unbedingt zum Evangelium. Weil Jesus auferstanden ist, wird der Tod nicht das Ende sein. Doch diese Zukunft soll uns nicht von der Gegenwart wegziehen. Sie soll uns Kraft für die Gegenwart geben.
Deshalb spricht Christian gerne von Zuversicht. Das Wort trägt für ihn eine Gewissheit in sich: Das Böse und das Schwierige werden nicht das letzte Wort behalten. Gott wird sein Reich vollenden.
Christliche Zuversicht ist dabei kein naiver Optimismus. Sie verschließt die Augen nicht vor Krieg, Leid, Ungerechtigkeit oder bedrohlichen Entwicklungen. Christen wissen, wie viel in dieser Welt im Argen liegt.
Aber sie wissen auch, wohin Gott mit dieser Welt geht.
Diese Zukunft verändert unseren „Groove“, wie Christian es ausdrückt. Wir müssen nicht beim Lamentieren über den Zustand der Welt stehen bleiben. Wir dürfen heute schon einen Vorgeschmack darauf geben, wie es sein wird, wenn Christus regiert.
Zuversicht wird dadurch zur Kraft. Sie lässt uns nicht untätig auf eine bessere Welt warten. Sie setzt Energie frei, schon jetzt etwas von Gottes Licht in diese Welt hineinzutragen.
Wir sind nicht die Endverbraucher des Evangeliums
Damit führt Christians Gedankengang von der Zuversicht zur Wirksamkeit.
Gott liebt und würdigt uns. Er vergibt und versöhnt uns mit sich. Er schenkt uns eine Zukunft. Doch die Bewegung des Evangeliums endet nicht bei uns.
„Wir sind nie die Endverbraucher von dem, was da kommt.“
Was wir empfangen, soll durch uns zu anderen weiterfließen.
Diese Wirksamkeit beginnt nicht erst auf einer großen Bühne. Sie zeigt sich, wenn jemand einem Kind in der Nachbarschaft bei den Hausaufgaben hilft. Wenn wir einen Menschen freundlich behandeln, obwohl der Tag anstrengend war. Wenn Unternehmerinnen und Unternehmer Arbeitsplätze schaffen und ehrlich wirtschaften. Wenn Christinnen und Christen sich sozial engagieren oder Gottes Schöpfung bewahren. Wenn wir einem Menschen ein Glas Wasser reichen, eine Tasche tragen oder ein gutes Wort schenken.
Keines dieser Werke bringt Gottes Reich aus eigener Kraft zur Vollendung. Das tut Christus selbst. Aber überall dort, wo Menschen im Namen Jesu Gutes tun, wird bereits etwas von seiner kommenden Welt sichtbar.
Christian vergleicht ein Evangelium, das nur bei uns bleibt, mit abgestandenem Wasser. Es ist noch Wasser. Doch es hat seine Frische verloren. Wo Gottes Liebe, Würde, Versöhnung und Zuversicht durch uns zu anderen fließen, wird es zu lebendigem, sprudelndem Wasser.
Vielleicht liegt genau hier die Kraft des Evangeliums. Es verändert nicht nur meine religiöse Stellung. Es richtet meine Würde auf, versöhnt Beziehungen, erneuert meinen Blick auf die Zukunft und setzt mich in Bewegung. Aus Empfängerinnen und Empfängern werden Menschen, durch die andere etwas von Gottes Güte erleben.
Wenn Gemeinden nach dem Evangelium duften
Am Ende unseres Gesprächs fragte ich Christian, welche Kultur er sich für die Gemeinden der Viva Kirche Schweiz wünscht.
Seine Antwort führte noch einmal zu denselben fünf Begriffen: voraussetzungsfreie Liebe, unantastbare Würde, befreiende Versöhnung, hoffnungsvolle Zuversicht und konkrete Wirksamkeit.
Diese Begriffe sind nicht nur eine Sprache, mit der wir Außenstehenden das Evangelium erklären können. Sie werden zu einem Prüfstein für unsere Gemeinden.
Spüren Menschen Liebe, wenn sie zu uns kommen, auch bevor sie unsere Überzeugungen teilen? Wird ihre Würde aufgebaut, selbst wenn wir sie korrigieren müssen? Entsteht ein Raum, in dem Vergebung und Versöhnung möglich werden? Prägt unsere Gemeinschaft eine Zuversicht, die größer ist als das Jammern über die Welt? Wird durch uns etwas von Gottes guter Herrschaft in unserer Nachbarschaft sichtbar?
Eine Gemeinde kann das Evangelium theologisch korrekt formulieren und ihm in ihrer Kultur trotzdem widersprechen. Ebenso kann sie freundlich und engagiert wirken, aber die herausfordernde Wahrheit von Schuld, Kreuz, Umkehr und Gerechtigkeit ausblenden.
Wir brauchen beides: eine Botschaft, die in ihrer ganzen Wahrheit verkündigt wird, und eine Gemeinschaft, in der ihre Schönheit und Kraft erfahrbar werden.
Menschen sollten das Evangelium nicht nur in unseren Predigten hören. Sie sollten etwas davon spüren, wenn sie uns begegnen.
Worte finden, die aus einer vollen Seele kommen
Nach dem Gespräch mit Christian blieb bei mir nicht zuerst ein neues Vokabular zurück. Natürlich helfen mir seine fünf Begriffe. Liebe, Würde, Versöhnung, Zuversicht und Wirksamkeit eröffnen Zugänge, die Menschen unserer Zeit verstehen können.
Doch gute Sprache ist mehr als die Wahl der richtigen Wörter.
Eine Sprache, die Menschen erreicht, entsteht dort, wo ich meinen konkreten Nachbarn vor Augen habe. Wo ich mich nicht über ihn stelle, sondern mich mit ihm als bedürftig erkenne. Wo das Evangelium zuerst meine eigene Seele zum Klingen bringt. Und wo ich seine schwierigen Wahrheiten nicht verschweige, sondern sie in die ganze Geschichte von Gottes Liebe, Gerechtigkeit und neuer Schöpfung einordne.
Das Evangelium muss nicht verschönert werden. Es ist schön.
Es muss nicht durch unsere Rhetorik mit Kraft aufgeladen werden. Es ist Gottes Kraft, die Menschen rettet, versöhnt, hoffen lässt und in Bewegung setzt.
Aber wir dürfen neu lernen, davon so zu sprechen und so zu leben, dass Menschen beides erkennen.
Vielleicht beginnt das nicht mit der Frage: Wie überzeuge ich jemanden vom Evangelium?
Vielleicht beginnt es mit der Frage: Wo muss seine Schönheit mich selbst neu ergreifen, und wo darf seine Kraft mein Leben verändern?
Blogartikel
von Daniel Janzen
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Im vollständigen Herzgespräch spreche ich mit Christian Haslebacher ausführlich über die Schönheit und Kraft des Evangeliums sowie über seine fünf zentralen Begriffe.
Interview auf YouTube ansehen
Das Buch zum Gespräch
In seinem Buch Dein Leben zählt entfaltet Christian Haslebacher das Evangelium als eine schöne, kraftvolle und relevante Botschaft in einer Sprache, die Menschen unserer Zeit verstehen können.
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Das Evangelium tiefer verstehen und verständlich weitergeben
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