Was ich von Dr. Michael Bendorf über Leitungskompetenz, den Heiligen Geist und eine Sitzung gelernt habe, in der die erste Stunde Gott gehört
Eine Leitungssitzung beginnt mit einer Andacht. Ein Bibeltext wird gelesen, jemand betet, vielleicht tauscht man sich noch kurz darüber aus. Dann wird die Bibel geschlossen und es heißt sinngemäß: Jetzt müssen wir aber arbeiten.
Ich kenne diese Trennung. Zuerst kommt der geistliche Teil. Danach folgen Budget, Personalfragen, Strategie und die nächste Veranstaltung. Natürlich wollen wir auch diese Aufgaben für Gott erledigen. Trotzdem behandeln wir sie oft so, als wäre dafür vor allem professionelles Handwerk gefragt. Der Heilige Geist bekommt Raum für unser Herz. Die Tagesordnung bearbeiten wir anschließend gefühlt selbst.
Dr. Michael Bendorf macht uns deutlich, wie verkürzt diese Vorstellung ist.
Michael ist leitender Pastor der Friedenskirche in Braunschweig, einer Gemeinde mit mehr als 1300 Mitgliedern. Bevor er Theologie studierte und Pastor wurde, beschäftigte er sich viele Jahre wissenschaftlich mit Wirtschaftspädagogik, Personalentwicklung, Psychologie und Erziehungswissenschaften. In seinem Buch Leiten in der Kraft des Geistes bringt er diese Perspektiven zusammen.
Sein Anliegen ist nicht, Gemeinden einfach professioneller zu machen. Gute Methoden, psychologisches Wissen und Leitungskompetenz sind wichtig. Doch eine Gemeinde ist mehr als eine gewöhnliche Organisation. Deshalb genügt es nicht, bewährte Führungsinstrumente zu übernehmen und ihnen am Anfang ein Gebet hinzuzufügen.
Geistliche Leitung beginnt tiefer:
„Wenn wir leiten wollen, müssen wir selber unter der Leitung des Geistes stehen.“
Dieser Satz ist mir geblieben. Denn er stellt nicht zuerst die Frage, wie wir andere führen. Er fragt, von wem wir uns selbst führen lassen.
Gute Absichten ersetzen keine Leitungskompetenz
Michael beschreibt Leitung mit einer Matrix aus neun Feldern. Drei Kompetenzbereiche treffen dabei auf drei Dimensionen des Lernens.
Die Kompetenzbereiche sind Sachkompetenz, Sozialkompetenz und Selbstkompetenz. Leiterinnen und Leiter müssen verstehen, was sie verantworten. Sie müssen mit Menschen umgehen können. Und sie müssen fähig sein, sich selbst zu führen.
Diese drei Bereiche verbindet Michael mit Kopf, Herz und Hand. Der Kopf steht für Wissen und Verstehen. Das Herz umfasst Haltungen, Werte, Motivation und Emotionen. Die Hand bezeichnet das praktische Können.
Das klingt zunächst theoretisch. Im Alltag wird jedoch schnell sichtbar, wie hilfreich diese Unterscheidung ist. Ich kann viel über Kommunikation wissen und trotzdem schlecht kommunizieren. Ich kann eine starke Überzeugung von guter Zusammenarbeit haben und dennoch unfähig sein, einen Konflikt zu moderieren. Ich kann fachlich hervorragend ausgebildet sein und gleichzeitig an meiner mangelnden Selbstführung scheitern.
Gerade in Gemeinden wird Leitungskompetenz manchmal unterschätzt. Wir vertrauen einer Person Verantwortung an, weil sie geistlich wirkt, die Bibel kennt oder eine erkennbare Berufung hat. Das alles ist wertvoll. Aber es beantwortet noch nicht die Frage, ob sie ein Team führen, mit Kritik umgehen, klare Entscheidungen treffen oder die eigenen Grenzen wahrnehmen kann.
Michael beobachtet, dass Leitungsverantwortliche nur selten an mangelndem Fachwissen scheitern. Häufiger zerbrechen Beziehungen an fehlender Sozialkompetenz oder Selbstkompetenz. Menschen sind nicht nahbar. Kommunikation misslingt. Verletzungen werden nicht aufgearbeitet. Bitterkeit wächst. Oder jemand versucht, andere zu leiten, ohne das eigene Leben führen zu können.
Eine geistliche Motivation schützt uns nicht automatisch vor diesen blinden Flecken.
Deshalb prüft Michael seine eigene Leitung jedes Jahr neu. Er schaut auf die neun Felder und fragt sich ehrlich: Wo habe ich im vergangenen Jahr nicht gut geleitet? Wo fehlt mir Wissen? Wo stimmt meine Haltung nicht? Was kann ich praktisch noch nicht? Und welcher nächste Entwicklungsschritt ist jetzt dran?
Diese Haltung gefällt mir. Geistliche Leiterinnen und Leiter sind keine fertigen Menschen. Sie bleiben Lernende.
Der Mythos vom geborenen Leiter
Auf Social Media begegnet uns oft ein bestimmtes Bild von Leiterschaft. Da ist die charismatische Person, die einen Raum betritt und sofort alle mitzieht. Sie spricht überzeugend, entscheidet schnell und scheint für jede Herausforderung die passende Antwort zu haben.
Wer selbst eher leise, vorsichtig oder unscheinbar ist, kann leicht zu dem Schluss kommen: Ich bin einfach kein Leitertyp.
Michael widerspricht dieser Vorstellung. Natürlich gibt es Menschen mit einer besonderen Ausstrahlung und einer ausgeprägten Leitungsbegabung. Doch viele Kompetenzen, die gute Leitung ausmachen, können gelernt und entwickelt werden. Auch Personen, die nicht wie geborene Führungspersönlichkeiten wirken, können erstaunlich wirksam führen.
Entscheidend ist nicht zuerst, wie eindrucksvoll jemand auftritt. Entscheidend ist, was durch diese Leitung entsteht.
Wachsen Menschen? Entwickelt ein Team eigene Stärke? Entsteht Vertrauen? Werden gute Entscheidungen getroffen? Kann eine Gemeinde auch dann gesund weitergehen, wenn die leitende Person ausfällt oder ihre Aufgabe abgibt?
Michael formuliert ein herausforderndes Qualitätsmerkmal: Gute Leiterinnen und Leiter können sich im besten Sinne überflüssig machen. Sie bauen nicht alles um ihre eigene Person. Sie entwickeln Menschen und Strukturen so, dass andere Verantwortung übernehmen können.
Das entlarvt manche scheinbare Leitungsstärke. Wenn eine Gemeinde nur funktioniert, solange eine bestimmte Person auf der Bühne steht, ist ihre große Wirkung vielleicht zugleich ihre größte Schwäche.
Geistliche Leitung sucht nicht Unentbehrlichkeit. Sie fragt, wie andere wachsen und wie das anvertraute Werk langfristig tragfähig werden kann.
Der Heilige Geist ist kein zehntes Feld
Bis zu diesem Punkt könnte Michaels Modell auch in einem Unternehmen eingesetzt werden. Sachkompetenz, Sozialkompetenz, Selbstkompetenz, Kopf, Herz und Hand sind nicht exklusiv christlich. Was also macht daraus geistliche Leitung?
Die naheliegende Lösung wäre, der Matrix ein weiteres Feld hinzuzufügen: Spiritualität. Dann hätten wir neun allgemeine Leitungskompetenzen und daneben noch den geistlichen Bereich.
Genau das tut Michael nicht.
Der Heilige Geist ist für ihn keine zusätzliche Kategorie. Er soll alle Bereiche durchdringen. Er erneuert unser Denken, formt unsere Haltung und verändert unser Handeln. Er wirkt in der Sachkompetenz ebenso wie in der Sozialkompetenz und der Selbstkompetenz.
Das hat weitreichende Folgen. Wenn eine Gemeinde ihren Haushalt plant, ist das keine rein technische Aufgabe. Natürlich müssen Zahlen stimmen und Verantwortung sorgfältig wahrgenommen werden. Aber eine geistlich geleitete Gemeinde fragt darüber hinaus: Heiliger Geist, was ist dein Anliegen für uns? Wozu hast du uns berufen? Wo sollen wir mutig investieren? Welchen Einfluss möchtest du durch uns im Reich Gottes entfalten?
Die geistliche Dimension besteht also nicht nur darin, mit der richtigen Motivation an einer gewöhnlichen Tagesordnung zu arbeiten. Manchmal verändert der Geist unsere Art zu entscheiden. Manchmal verändert er die Entscheidung selbst. Er lässt uns Möglichkeiten sehen, die wir vorher nicht gesehen haben, und führt uns zu Schritten, die wir allein aus menschlicher Vorsicht nicht gegangen wären.
Michael bringt es auf den Punkt: Die Gemeinde ist mit keiner anderen Organisation dieser Welt vollständig vergleichbar. Jesus will mit seiner Fülle in ihr wohnen. Wenn Jesus das Haupt der Gemeinde ist, können wir sie nicht geistlich leiten, ohne selbst auf seine Leitung zu hören.
Die erste Stunde gehört Gott
Wie konkret das werden kann, zeigt die Praxis der Friedenskirche.
Der Ältestenkreis trifft sich jede Woche für zwei Stunden. Die erste Stunde ist für hörendes Gebet, gemeinsames Bibellesen und persönlichen Austausch reserviert. Erst in der zweiten Stunde beginnt die eigentliche Tagesordnung.
„Die erste Stunde, egal wie voll die Tagesordnung ist, die erste Stunde geben wir Gott.“
Mich hat diese Konsequenz beeindruckt. Fünfzig Prozent einer Leitungssitzung werden nicht für Berichte, Beschlüsse oder Planungen verwendet. Das ist nur dann sinnvoll, wenn man wirklich glaubt, dass Gebet und das Hören auf Gott etwas bewirken.
Gerade wenn wichtige Entscheidungen anstehen, wäre die Versuchung groß, den geistlichen Teil zu kürzen. Zwei Stunden Tagesordnung wirken in einer Krise schließlich produktiver als eine. Michael erlebt es anders. Die erste Stunde schenkt dem Leitungskreis eine Qualität, die sich durch zusätzliche Arbeitszeit nicht ersetzen lässt.
Die Menschen kommen aus unterschiedlichen Tagen in die Sitzung. Einige Ehrenamtliche haben bereits zehn Stunden gearbeitet. Jeder bringt Gedanken, Sorgen und innere Filter mit. Im gemeinsamen Gebet rücken sie näher zu Jesus und näher zueinander. Ihre geistlichen Antennen richten sich neu aus.
Michael beschreibt, dass diese erste Stunde in die zweite hinüberschwappt. Die Bibel wird zwar geschlossen, aber die Begegnung mit Gott ist nicht beendet. Sie prägt die Atmosphäre, das Hören, das Reden und die Entscheidungen. Der Leitungskreis arbeitet anschließend fokussiert und erlebt eine erstaunliche Einheit.
Ein Beispiel war das 150-jährige Jubiläum der Gemeinde. Im Gebet entstand der Eindruck, zusätzlich zum regulären Haushalt 150.000 Euro zu sammeln und vollständig in das Reich Gottes zu investieren. Das war kein kleiner symbolischer Betrag. Der Plan hätte deutlich scheitern können.
Die Gemeinde wagte den Schritt. Am Ende kamen 160.000 Euro zusammen.
Solche Geschichten dürfen nicht zur Methode werden. Eine Stunde Gebet garantiert weder Einmütigkeit noch hohe Spenden. Geistliche Eindrücke müssen geprüft werden, und auch betende Leitungsteams können sich irren. Michael erzählt deshalb auch von einer Fehlerkultur. Die Gemeinde wagt Schritte, lernt aus Fehlern und geht weiter, wenn sich ein Eindruck nicht bestätigt.
Entscheidend ist nicht die Erfolgsformel. Entscheidend ist die Haltung: Wir wollen die Gemeinde nicht nur für Gott leiten. Wir wollen sie mit Gott leiten.
Wenn eine Leitungssitzung zu einem geistlichen Raum wird
Die erste Stunde verändert nicht nur das Denken. Sie öffnet auch die Herzen.
Wenn jemand erzählt, dass es ihm nicht gut geht, geht der Leitungskreis nicht einfach zur Tagesordnung über. Die anderen segnen die Person und beten für sie. Hauptamtliche und Ehrenamtliche begegnen sich nicht nur in ihren Funktionen. Sie werden voreinander nahbar.
Auch das gemeinsame Bibellesen dient nicht dazu, sich gegenseitig mit theologischer Kompetenz zu beeindrucken. Michael spricht humorvoll davon, keinen „exegetischen Fechtkampf“ zu veranstalten. Stattdessen fragt die Gruppe: Was sagt dieser Text in unsere Leitungssituation hinein? Wo spricht Gott uns persönlich an? Was muss sich in uns verändern?
So wird aus einer Sitzung etwas, das Michael mit einem Hauskreis unter Freunden vergleicht.
Das ist keine Nebensache. Vertrauen ist für ihn die entscheidende Währung von Leitung. Es wächst langsam und kann schnell verspielt werden. Ein Team wird deshalb nicht allein durch klare Prozesse tragfähig. Es braucht Beziehungen, in denen Menschen ehrlich sein, Schwäche zeigen, Korrektur annehmen und einander vergeben können.
Paulus schreibt in Römer 5,5, dass Gottes Liebe durch den Heiligen Geist in unsere Herzen ausgegossen ist. Wo wir dem Geist Raum geben, formt er nicht nur bessere Entscheidungen. Er macht unser Herz weit. Er schenkt Liebe, Geduld, Freundlichkeit und Selbstbeherrschung. Genau diese Frucht brauchen Menschen, die gemeinsam Verantwortung tragen.
Vielleicht liegt hier einer der größten blinden Flecken christlicher Leitung. Wir können die richtigen Ziele verfolgen und uns theologisch einig sein. Wenn unsere Herzen hart werden, unser Umgang lieblos ist oder Vertrauen zerbricht, werden auch gute Pläne die Gemeinschaft nicht tragen.
In die Tiefe zu Christus und in die Weite zu den Menschen
Der Heilige Geist erneuert nach Michaels Verständnis nicht nur Kopf und Herz. Er verändert auch die Hand, also das konkrete Tun.
Dabei verwendet Michael ein schönes Bild: Der Geist führt uns in die Tiefe zu Christus und in die Weite zu den Menschen.
Beides gehört zusammen. Geistliche Leitung vertieft die Gemeinschaft mit Jesus. Zugleich verhindert sie, dass eine Gemeinde sich selbst genügt. Wer auf den Geist hört, bleibt nicht bei den eigenen Programmen, Bedürfnissen und Mitgliedern stehen. Er beginnt zu fragen, wie die Gemeinde ihrer Stadt dienen kann.
Dann tun wir nicht nur dieselben Dinge auf eine etwas geistlichere Weise. Manchmal beginnen wir, andere Dinge zu tun.
Neue Projekte entstehen. Eine Gemeinde übernimmt Verantwortung für ihr Umfeld. Menschen wagen Initiativen, deren Ausgang nicht vollständig planbar ist. Sie probieren aus, prüfen und lernen. Ihr Ziel ist nicht, die eigene Organisation möglichst erfolgreich zu erhalten. Ihr Ziel ist, dem Reich Gottes zu dienen.
Diese Weite ist ein guter Prüfstein. Führt unsere Spiritualität nur dazu, dass wir uns in der Gemeinde wohler fühlen? Oder führt sie uns näher zu Jesus und zugleich näher zu den Menschen, die seine Liebe brauchen?
Eine geistliche Leitungssitzung erkennt man deshalb nicht nur daran, wie lange gebetet wurde. Man erkennt sie auch daran, was danach geschieht.
Leitung beginnt damit, dass ich mich leiten lasse
Nach unserem Gespräch blieb mir keine neue Methode als Erstes im Gedächtnis. Es war eine einfache geistliche Wahrheit: Ich kann andere nur geistlich leiten, wenn ich mich selbst vom Geist Gottes leiten lasse.
Das macht Leitungskompetenz nicht überflüssig. Im Gegenteil. Wer Verantwortung trägt, sollte lernen, reflektieren und an seinen Fähigkeiten arbeiten. Eine gute Absicht ersetzt weder Sachkompetenz noch Sozialkompetenz oder Selbstkompetenz. Geistliche Leitung darf kein frommer Name für unklare Entscheidungen, mangelnde Vorbereitung oder schwache Führung sein.
Aber Kompetenz allein reicht ebenfalls nicht.
Wir können professionell planen und trotzdem an Gottes Auftrag vorbeiarbeiten. Wir können effizient entscheiden und dabei Menschen verletzen. Wir können eine wachsende Organisation aufbauen, die ohne unsere Person nicht überlebensfähig ist. Und wir können eine Andacht halten, ohne dem Heiligen Geist zu erlauben, unsere eigentliche Tagesordnung zu berühren.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Leite ich gut?
Sie lautet auch: Lasse ich mich leiten?
Wo darf der Heilige Geist mein Denken erneuern? Welche Haltung möchte er in meinem Herzen verändern? Zu welchem konkreten Schritt fordert er mich heraus? Wo brauche ich neues Wissen, ehrliches Feedback oder eine Fähigkeit, die ich bisher nicht entwickelt habe?
Vielleicht müssen nicht alle Leitungsteams die Hälfte jeder Sitzung für Gebet und Bibellesen reservieren. Michaels Praxis lässt sich nicht einfach kopieren. Aber sie stellt uns eine heilsame Frage: Woran wird in unserem Umgang mit Zeit sichtbar, dass wir Gottes Gegenwart nicht für eine fromme Einleitung halten, sondern für die entscheidende Wirklichkeit unserer Leitung?
Geistliche Leitung beginnt nicht damit, dass andere uns folgen.
Sie beginnt damit, dass wir selbst folgen.
Die ganze Folge ansehen
Das vollständige Herzgespräch mit Dr. Michael Bendorf findest du auf YouTube:
Geistliche Leiterschaft leben
Das Buch zum Gespräch
In Leiten in der Kraft des Geistes entfaltet Michael Bendorf die neun Lernfelder geistlicher Leitung ausführlich und praxisnah. Das Buch ist als Band 11 der Edition TSC-IGW erschienen.
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