Warum Kirchen im Krieg neu klären müssen, wem ihre Loyalität gilt
Von Felix Schad
Solange Frieden herrscht, ist es leicht, vom Frieden zu sprechen. Kirchen können Dialog fordern, Gewalt verurteilen und sich zur Versöhnung bekennen. Solche Überzeugungen kosten zunächst wenig.
Doch was geschieht, wenn die eigene Sicherheit bedroht ist? Wenn Menschen angegriffen werden, Waffen fordern und jede Einladung zum Dialog wie Naivität klingt? Was bleibt von einer kirchlichen Friedenstheologie, wenn der Frieden selbst ums Überleben kämpft?
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ist deshalb auch zu einer Bewährungsprobe für die Kirchen geworden. Er hat nicht nur friedensethische Positionen infrage gestellt. Er hat offengelegt, wie eng diese Positionen mit dem Selbstverständnis einer Kirche verbunden sind.
In meiner Bachelorarbeit habe ich untersucht, welchen Beitrag das Leitbild des «gerechten Friedens» zur kirchlichen Friedensstiftung leisten kann. Dabei wurde mir deutlich:
Ein Bekenntnis zum Frieden macht noch keine friedensfähige Kirche.
Ob eine Kirche auch in der Krise glaubwürdig Frieden stiften kann, entscheidet sich daran, wem ihre letzte Loyalität gilt: dem eigenen Staat, der eigenen Sicherheit oder Jesus Christus und seinem Reich.
Gerechter Friede beginnt vor dem Krieg
Lange wurde christliche Friedensethik vor allem von der Frage bestimmt, unter welchen Bedingungen ein Krieg gerechtfertigt sein könnte. Die Lehre vom gerechten Krieg versucht, den Einsatz militärischer Gewalt an strenge Kriterien zu binden. Gewalt darf demnach nur das letzte Mittel sein, muss einem gerechten Grund dienen und von einer legitimen Autorität angeordnet werden.
Das Leitbild des gerechten Friedens setzt früher an. Es fragt nicht zuerst, wann Gewalt erlaubt ist, sondern wie Beziehungen gestaltet werden müssen, damit Gewalt ihren Nährboden verliert. Frieden ist in diesem Verständnis mehr als die Abwesenheit von Krieg. Er umfasst Gerechtigkeit, Menschenwürde, Versöhnung, Schutz vor Gewalt und die Bewahrung der Schöpfung.
Diese Perspektive rückt besonders die Betroffenen in den Mittelpunkt. Nicht nur die Interessen eines Staates entscheiden darüber, was gerecht ist. Entscheidend sind auch die Würde, die Sicherheit und die Grundbedürfnisse einzelner Menschen. Frieden entsteht dort, wo ungerechte Beziehungen verändert, Traumata aufgearbeitet und Menschen zur gewaltfreien Bearbeitung von Konflikten befähigt werden.
Das ist eine wichtige Stärke des Leitbildes. Es erinnert Kirchen daran, dass Friedensarbeit nicht erst beginnt, wenn Panzer eine Grenze überqueren. Sie beginnt in Gemeinden, die Feindbilder hinterfragen, Versöhnung einüben und Menschen hervorbringen, die auch unter Druck der Würde des Gegenübers verpflichtet bleiben.
Im Krieg zeigt sich, wie tief die Überzeugungen reichen
Der Ukrainekrieg hat den über Jahre gewachsenen ökumenischen Konsens zum gerechten Frieden einer harten Prüfung unterzogen. Dabei reagierten die Kirchen sehr unterschiedlich.
Die Russisch Orthodoxe Kirche hat den Krieg in weiten Teilen religiös legitimiert und staatliche sowie nationale Interessen mit geistlichen Deutungen verbunden. Viele ukrainische Kirchen stehen dagegen vor der existenziellen Frage, wie sie Menschen angesichts eines brutalen Angriffs schützen können. Die Evangelische Kirche in Deutschland verurteilt den russischen Angriff klar, räumt dem Schutz vor Gewalt und sicherheitspolitischen Überlegungen inzwischen aber ein deutlich grösseres Gewicht ein als noch vor einigen Jahren.
Diese Positionen dürfen moralisch nicht gleichgesetzt werden. Zwischen der theologischen Rechtfertigung eines Angriffskrieges und dem Ringen um den Schutz angegriffener Menschen besteht ein fundamentaler Unterschied. Trotzdem machen die Beispiele ein gemeinsames Problem sichtbar: Je stärker eine Kirche ihre Verantwortung innerhalb der Logik des eigenen Staates bestimmt, desto schwieriger wird es für sie, eine eigenständige christliche Friedensethik zu bewahren.
In einer Krise zeigt sich deshalb, ob Frieden nur ein kirchliches Thema war oder tatsächlich zur Identität der Kirche gehört. Eine Erklärung kann schnell angepasst werden. Eine über Jahre eingeübte Kultur der Versöhnung, der Feindesliebe und des Wahrsprechens trägt tiefer.
Die entscheidende Frage lautet dann nicht nur: Welche Position vertritt eine Kirche zu diesem Krieg? Sie lautet auch: Was für eine Kirche bringt diese Position hervor?
Wenn Frieden mit Sicherheit verwechselt wird
Dietrich Bonhoeffer warnte schon 1934 davor, Frieden und Sicherheit miteinander zu verwechseln. Frieden, so seine Überzeugung, muss gewagt werden.
Diese Aussage klingt schnell idealistisch, solange man nicht selbst bedroht ist. Gerade deshalb gewinnt sie in Zeiten des Krieges an Gewicht. Sicherheit ist ein berechtigtes menschliches Bedürfnis. Wer angegriffen wird, braucht Schutz. Eine Kirche darf das Leiden der Opfer nicht mit allgemeinen Friedensappellen übergehen.
Doch Sicherheit und Frieden sind nicht identisch. Sicherheit fragt danach, wie das Eigene geschützt werden kann. Gerechter Friede fragt zugleich danach, wie gerechte Beziehungen entstehen und Gewalt überwunden werden kann. Wo Sicherheit zum höchsten Massstab wird, gerät der andere Mensch leicht nur noch als Bedrohung in den Blick.
Das Leitbild des gerechten Friedens entstand in Europa während einer Phase relativer Sicherheit. Als diese Sicherheit wegbrach, zeigte sich eine reale Gefahr: Aus einer Friedenstheologie kann schleichend eine Sicherheitstheologie werden. Kirchliche Stellungnahmen übernehmen dann zunehmend die Kategorien der jeweiligen staatlichen Politik. Die theologische Aufgabe beschränkt sich darauf, bereits getroffene politische Entscheidungen moralisch abzusichern.
Damit ist nicht gesagt, dass Kirchen keine politischen Urteile fällen dürfen. Sie müssen Unrecht benennen, den Schutz bedrohter Menschen einfordern und Verantwortung übernehmen. Aber ihre Massstäbe dürfen nicht einfach mit den Interessen des eigenen Landes zusammenfallen. Die Kirche verliert ihre prophetische Freiheit, wenn sie nur noch religiös formuliert, was der Staat ohnehin für notwendig hält.
Was für eine Kirche kann Frieden stiften?
Damit wird aus der friedensethischen eine ekklesiologische Frage. Es geht nicht nur darum, was eine Kirche über Krieg und Frieden denkt. Es geht darum, wie sie sich selbst versteht.
Historische Friedenskirchen wie die Mennoniten konnten eine konsequent gewaltfreie Ethik auch deshalb entwickeln, weil sie als Minderheiten keine staatliche Macht zu sichern hatten. Grosse Volkskirchen stehen in einer anderen Spannung. Sie begleiten Soldatinnen und Soldaten, beraten politische Entscheidungsträger und verstehen sich als Teil einer Gesellschaft, die sich verteidigen können muss.
Diese Nähe zum Staat ist nicht automatisch falsch. Sie kann Kirchen Zugang verschaffen, um sich für Menschenwürde, Versöhnung und zivile Konfliktbearbeitung einzusetzen. Sie wird aber dann problematisch, wenn die Grenzen zwischen dem Reich Gottes und den Interessen eines Staates verschwimmen.
Eine friedensfähige Kirche braucht deshalb ein klares Zentrum. Ihre erste Loyalität gilt nicht einer Nation, einem politischen Lager oder der eigenen institutionellen Sicherheit. Sie gilt Jesus Christus. Die Kirche versteht sich als eine Gemeinschaft von Menschen, die schon heute nach den Massstäben seines Friedensreiches leben wollen.
Das wird konkret. Eine solche Kirche befähigt Menschen, Konflikte wahrhaftig und versöhnlich auszutragen. Sie widersteht pauschalen Feindbildern. Sie pflegt Beziehungen zu Christen in anderen Ländern und Kulturen. Sie hört den Opfern von Gewalt zu. Und sie bleibt bereit, auch das eigene nationale Narrativ vom Evangelium korrigieren zu lassen.
Einheit darf nicht auf Kosten der Wahrheit gehen
Für den Ökumenischen Rat der Kirchen verschärft der Ukrainekrieg ein besonderes Dilemma. Der Rat will einen Raum offenhalten, in dem Kirchen trotz tiefster Konflikte miteinander sprechen können. Ein Ausschluss kann genau jene Begegnung verhindern, die für eine spätere Versöhnung notwendig wäre. Schweigt der Rat jedoch aus Rücksicht auf den Dialog zu geistlichem Missbrauch und offenem Unrecht, verliert auch der Dialog seine Glaubwürdigkeit.
Einheit und Wahrheit dürfen deshalb nicht gegeneinander ausgespielt werden. Eine Einheit, die nur besteht, weil die entscheidenden Konflikte nicht ausgesprochen werden, ist eine Scheineinheit. Sie hält so lange, wie niemand an ihren empfindlichen Kern rührt.
Wahrheit kann schmerzhaft und trennend wirken. Doch sie ist auch eine Voraussetzung für Heilung. Traumata können nicht aufgearbeitet werden, solange das verursachte Unrecht verleugnet wird. Versöhnung beginnt nicht mit dem Überspringen der Schuld, sondern mit ihrem ehrlichen Benennen.
Das prophetische Amt der Kirche besteht deshalb nicht darin, jede politische Frage abschliessend zu lösen. Es besteht darin, Gewalt und ihre religiöse Rechtfertigung beim Namen zu nennen, den Leidtragenden Gehör zu verschaffen und auch die eigene Verstrickung zu prüfen.
Dialog und Wahrheit sind keine Gegensätze. Wahrer Dialog verlangt die Bereitschaft, dem Gegenüber zuzuhören und sich korrigieren zu lassen. Er verlangt aber ebenso den Mut, das auszusprechen, was einer gemeinsamen Zukunft im Weg steht.
Frieden wächst in einer Weggemeinschaft
Einen konstruktiven Ansatz bietet die noch junge Theologie des «Companionship». Gemeint ist eine Weggemeinschaft von Menschen, die miteinander das Leben, das Leiden und das Brot teilen. Sie begegnen einander nicht von oben herab und behandeln Betroffene nicht bloss als Empfänger ihrer Hilfe. Sie machen sich gemeinsam auf den Weg und lassen sich in dieser Begegnung selbst verändern.
Solche Beziehungen können nicht erst aufgebaut werden, wenn ein Krieg bereits begonnen hat. Sie müssen vorher wachsen. Wer Christen aus einem anderen Land nur aus Nachrichtensendungen und offiziellen Kirchenerklärungen kennt, übernimmt leichter die Feindbilder des eigenen Umfelds. Persönliche Beziehungen schaffen dagegen einen Raum, in dem nationale Erzählungen hinterfragt und die Erfahrungen des Gegenübers ernst genommen werden können.
Für Gemeinden wirkt das vielleicht weit entfernt. Doch genau hier beginnt ökumenische Friedensarbeit: in Partnerschaften mit Kirchen in anderen Ländern, in Begegnungen über kulturelle Grenzen hinweg, im gemeinsamen Gebet und im Teilen konkreter Not. Wo Christen einander als Schwestern und Brüder kennen, wird es schwerer, sie nur noch als Vertreter eines feindlichen Staates wahrzunehmen.
Companionship bedeutet nicht, Unterschiede zu verschweigen. Gerade eine tragfähige Weggemeinschaft hält Widerspruch aus. Sie verbindet Liebe mit Wahrheit, Nähe mit Selbstkritik und Einheit mit der Bereitschaft zur Umkehr.
Die Kirche muss den Frieden verkörpern
Kirchen werden nicht dadurch zu Friedenskirchen, dass sie eine Erklärung verabschieden. Sie müssen den Frieden, den sie verkündigen, in ihren eigenen Beziehungen sichtbar machen.
Das geschieht, wenn Gemeinden Menschen zur Versöhnung befähigen, statt Polarisierung zu verstärken. Es geschieht, wenn sie den Erfahrungen der Leidtragenden Vorrang vor den Rechtfertigungen der Mächtigen geben. Es geschieht, wenn Leitungsverantwortliche staatliche und gesellschaftliche Narrative theologisch prüfen, statt sie bloss zu wiederholen. Und es geschieht, wenn Christen über Grenzen hinweg Gemeinschaft suchen, bevor eine Krise sie voneinander trennt.
Theologische Ausbildung kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Sie hilft, politische Deutungen von theologischen Aussagen zu unterscheiden, das eigene Kirchenverständnis zu reflektieren und ethische Urteile nicht nur aus der Perspektive der Mächtigen zu fällen. Gerade im Zusammenspiel von Studium und Gemeindepraxis zeigt sich, ob Theologie bloss Positionen produziert oder eine andere Art von Gemeinschaft formt.
Die Hoffnung auf Frieden gründet für Christen nicht darin, dass er jederzeit politisch durchsetzbar wäre. Sie gründet in Jesus Christus. Gott begegnet der Gewalt nicht als mächtiger Kaiser, sondern als verletzlicher Mensch. Jesus stellt sich auf die Seite der Ausgegrenzten und überwindet den Tod, indem er selbst durch den Tod hindurchgeht.
Deshalb ist christlicher Friede mehr als ein optimistisches Programm für stabile Zeiten. Er ist eine Hoffnung, die gerade dort trägt, wo sie verwundbar wirkt. Der Frieden hat den Kampf nicht nur überlebt. Er ist auferstanden.
Zur Abschlussarbeit
Dieser Artikel beruht auf der Bachelorarbeit «Wenn der Friede ums Überleben kämpft. Eine Literaturarbeit zum Beitrag des Ökumenischen Rates der Kirchen als Friedensstifter, untersucht am friedensethischen Konzept des ‹gerechten Friedens› und seinen Herausforderungen im Ukrainekrieg» von Felix Schad, Bachelor of Arts in Praktischer Theologie, IGW, April 2026.
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