Was ich von Marco Hoffmann über Berufung, Beziehungen und drei Jahrzehnte im pastoralen Dienst gelernt habe
Zwischen Marco Hoffmann und Celina Thöny liegen mehr als drei Jahrzehnte pastoraler Erfahrung. Marco gehörte 1991 zum allerersten Jahrgang von IGW. Celina studiert heute bei uns und bereitet sich auf einen Weg vor, von dem sie noch nicht genau weiß, wohin er sie führen wird.
An diesem Tisch saßen deshalb nicht nur drei Menschen. Dort begegneten sich Anfang und Rückblick, Berufung und Erfahrung, Erwartung und Ernüchterung.
Mich interessierte vor allem eine Frage: Was trägt einen Menschen durch drei Jahrzehnte pastoralen Dienst? Was lässt ihn durch Begeisterung und Enttäuschung, erfüllende Begegnungen und zerbrochene Beziehungen, sogar durch einen Burnout hindurchgehen und dabei die Leidenschaft bewahren?
Marcos Antwort lässt sich nicht auf eine Erfolgsformel reduzieren. Aber zwei Worte kehrten immer wieder: Berufung und Beziehung.
Berufen, bevor das Ziel feststeht
Marco wuchs in einem Elternhaus auf, das mit Kirche und Glauben nichts zu tun hatte. Erst später lernte er Jesus Christus kennen. Bald merkte er, dass Menschen ihm zuhörten, wenn er die Bibel öffnete. Andere erkannten eine Gabe in ihm und ermutigten ihn, sich ausbilden zu lassen.
Marco arbeitete damals erfolgreich in der Wirtschaft. Pastor zu werden, war nicht sein Plan. Als Heinz Strupler ihm von einem neuen Bibelschulprojekt erzählte, sagte er zunächst Nein. Zu Hause berichtete er seiner Frau davon. Ihre Antwort war überraschend klar: Sie habe schon lange gewusst, dass er das machen müsse.
So landete Marco im ersten Jahrgang von IGW. Nicht mit einem fertigen Berufsbild vor Augen, sondern mit der Überzeugung: Gott hat mich gerufen. Ich will herausfinden, was er daraus macht.
Im Rückblick beobachtet Marco einen Unterschied. Viele, die einen Ruf Gottes wahrgenommen hatten, blieben auch dann auf dem Weg, wenn das Ziel noch nicht klar war. Wer lediglich ausprobieren wollte, ob ein Theologiestudium vielleicht passen könnte, hielt den Belastungen oft weniger lange stand.
Das hat mich nachdenklich gemacht. Wir fragen junge Menschen häufig: Was ist dein Ziel? Wo willst du später arbeiten? Welche Funktion strebst du an? Das sind sinnvolle Fragen. Doch Berufung beginnt oft eine Ebene tiefer. Sie beantwortet nicht sofort, wohin der Weg führt. Sie klärt aber, warum ich ihn gehe.
Marco wusste nicht, ob er einmal Pastor werden würde. Er wusste nur, dass Gott ihn in die Verkündigung rief. Ob auf einer Kanzel, auf der Straße oder im Wald, war für ihn zunächst zweitrangig. Entscheidend war: Gott hat gesprochen. Ich möchte antworten.
Eine solche Berufung ist kein Schutz vor Krisen. Sie ist auch kein Versprechen, dass alles gelingt. Aber sie kann in schwierigen Zeiten zum inneren Anker werden. Wenn Aufgaben mühsam werden, Anerkennung ausbleibt oder die eigene Kraft schwindet, stellt sich die Frage neu: Warum tue ich, was ich tue?
Wer Menschen liebt, macht sich verletzlich
Die schönsten Erinnerungen aus Marcos Dienst haben mit Menschen zu tun. Er hat Kinder auf dem Arm gehalten, die heute erwachsen sind, eigene Familien haben und selbst Verantwortung übernehmen. Er durfte Menschen taufen und miterleben, wie sie im Glauben wuchsen. In manchen Lebensgeschichten hat er nur eine kleine Rolle gespielt. Gerade das empfindet er als großes Vorrecht.
Auch seine schmerzhaftesten Erfahrungen haben mit Menschen zu tun. Meinungsverschiedenheiten belasteten Beziehungen. Freundschaften zerbrachen. Entscheidungen, die der ganzen Gemeinde dienen sollten, verletzten einzelne Menschen. Manches würde Marco heute anders machen. An manchen Brüchen hatte er selbst seinen Anteil.
Damit benannte er eine Spannung, die zum pastoralen Dienst gehört. Eine Pastorin oder ein Pastor begleitet Menschen persönlich und trägt zugleich Verantwortung für eine Organisation. Meistens lässt sich beides gut miteinander verbinden. Manchmal aber nicht. Dann kann eine Entscheidung für das Ganze eine einzelne Beziehung beschädigen.
Celina brachte in unserem Gespräch einen wichtigen Gedanken ein. Wer liebt, geht das Risiko ein, verletzt zu werden. Leidenschaft trägt das Leiden bereits im Wort. Doch gerade darin kann eine Tiefe entstehen, die wir nie kennenlernen, wenn wir nur die Höhepunkte suchen.
Das gilt nicht nur für Pastoren. Jede Form geistlicher Leiterschaft lebt von Beziehungen. Wer Menschen wirklich nahekommt, bleibt nicht unberührt. Leitung verlangt deshalb mehr als theologische Fachkenntnis. Sie braucht Selbstreflexion, Kommunikationsfähigkeit und soziale Kompetenz. Gute Theologie bleibt die Grundlage. Aber sie muss in der Art sichtbar werden, wie wir Menschen zuhören, Konflikte bearbeiten und Verantwortung wahrnehmen.
Wenn die Gottesbeziehung zur Arbeitsbeziehung wird
Eine besondere Gefahr entsteht, wenn ausgerechnet die Beziehung zu Gott unbemerkt Teil der beruflichen Leistung wird. Pastoren lesen die Bibel und denken bereits an die nächste Predigt. Sie beten und gehen dabei innerlich die Aufgaben der Woche durch. Sie suchen Gott, haben aber gleichzeitig den nächsten Seelsorgefall oder die Entwicklung der Gemeinde im Kopf.
Marco nannte das eine Arbeitsbeziehung zu Gott.
Als junger Pastor saß er eines Tages im Gemeindesaal unter einem Kreuz und betete. In der Hand hielt er seine lederne Agenda. Elektronische Kalender gab es damals noch nicht. Plötzlich fiel ihm die Agenda aus der Hand und rutschte genau in einen Spalt am Metallfuß des Kreuzes. Marco versuchte, sie wieder herauszuziehen. Doch sie saß fest.
In diesem Moment hörte er Gott beinahe akustisch sagen:
„Lass die Agenda dort stecken.“
Dann wurde ihm etwas klar:
„Gott will meine Agenda nicht. Er will mich.“
Marco brach zusammen. Er hatte sich mit seinen Plänen, Aufgaben und seiner Hingabe vor Gott gesetzt. Doch Gott wollte nicht zuerst seine Leistung. Er wollte die Begegnung mit ihm.
Diese Geschichte ist bei mir hängen geblieben. Sie trifft eine Versuchung, die viele engagierte Christinnen und Christen kennen. Wir können so sehr für Gott arbeiten, dass kaum noch Raum bleibt, einfach bei ihm zu sein. Sogar Gebet und Bibellesen können zu Werkzeugen werden, mit denen wir den nächsten Auftrag erfüllen.
Gott interessiert sich für unseren Dienst. Aber er liebt uns nicht wegen unseres Dienstes. Wir dürfen vor ihm zuerst Kinder sein, bevor wir Mitarbeitende sind. Sein Wort darf zuerst uns selbst ansprechen, bevor wir überlegen, wie wir es an andere weitergeben. Und manchmal ist die geistlichste Entscheidung, die Agenda am Fuß des Kreuzes stecken zu lassen.
Niemand hält allein durch
Marco sprach offen über den Burnout, den er am Anfang seines Dienstes erlebte. Er hatte mit voller Kraft gearbeitet und versucht, eine Gemeinde mit ähnlichen Mitteln zu führen wie zuvor ein Team in der Industrie. Doch eine Gemeinde funktioniert anders. Ehrenamtliche Mitarbeitende lassen sich nicht über Position, Lohn oder Anstellung führen. Sie müssen gewonnen, begleitet und befähigt werden.
Marco investierte immer mehr Kraft und war schließlich ausgebrannt. In dieser Zeit konnte er zeitweise nicht einmal mehr beten. Andere übernahmen das für ihn. Freunde sprachen ihm seine Berufung zu, als er selbst sie kaum noch greifen konnte. Menschen nahmen ihm Aufgaben ab. Seine Frau ging mit ihm durch die dunkle Zeit. Seine Familie und wenige enge Freunde trugen ihn, ohne dass er etwas leisten musste.
Das ist für mich eine der stärksten Einsichten aus unserem Gespräch: Niemand hält allein durch.
Gerade Menschen in geistlicher Verantwortung werden oft über ihre Funktion wahrgenommen. Ich kenne das aus meiner eigenen Zeit als Pastor. Selbst auf einer Geburtstagsfeier war ich nie einfach Daniel. Ich blieb der Pastor. Umso wichtiger sind Beziehungen zu Menschen, die nicht in erster Linie eine Funktion sehen. Menschen, die mit mir feiern und weinen, weil ich Daniel bin, nicht weil ich eine bestimmte Aufgabe erfülle.
Solche Beziehungen entstehen nicht automatisch in der Krise. Marco setzte deshalb ein deutliches Ausrufezeichen: Sorge vorher dafür, dass es ein Umfeld gibt, das dich auffangen und mittragen kann.
Freundschaften brauchen Zeit, Ehrlichkeit und Pflege. Im pastoralen Dienst ist das nicht immer leicht. Nicht jede persönliche Not gehört auf die Kanzel, und niemand kann mit allen Menschen dieselbe Nähe leben. Aber jede Leiterin und jeder Leiter braucht einige wenige Beziehungen, in denen keine Rolle gespielt werden muss.
Achte auf dich selbst
Am Ende unseres Gesprächs fragte ich Marco, was er seinem jüngeren Ich gerne gesagt hätte. Seine Antwort kam aus Apostelgeschichte 20,28:
„Achte auf dich selbst und auf die Herde.“
Marco kannte diesen Satz schon früh. Ernst genommen hatte er vor allem den zweiten Teil. Er wollte der Gemeinde dienen, Menschen begleiten und Verantwortung übernehmen. Den ersten Teil hatte er überhört: Achte auf dich selbst.
Selbstfürsorge ist kein Gegensatz zur Hingabe. Sie gehört zu verantwortlicher Leiterschaft. Gott sorgt für uns. Zugleich traut er uns Verantwortung für das eigene Leben, unsere Entscheidungen und unsere Grenzen zu. Marco formulierte es sehr direkt:
„Wenn du dein Leben nicht leiten kannst, kannst du andere nicht leiten oder nur schwer leiten.“
Heute geht Marco schrittweise auf seine Pensionierung zu und gibt Aufgaben ab. Damit stellt sich eine neue Frage: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr Präsident der Schweizerischen Pfingstmission bin, nicht mehr als Pastor im Dienst stehe und keine Gemeinde mehr leite?
Seine Antwort fasst für mich das ganze Gespräch zusammen:
„Mach deine Beziehung zu Gott nicht zu deinem Beruf.“
Unsere Aufgaben verändern sich. Bühnen werden anderen anvertraut. Titel verschwinden. Die Beziehung zu Gott aber bleibt. Sie ist nicht der Inhalt unseres Berufs, sondern der Grund unseres Lebens. Gott will uns, unabhängig davon, welche Funktion wir gerade tragen.
Die Bühne gehört nicht uns
Zum Schluss kamen wir noch einmal auf die Verkündigung zurück. Eine Bühne kann Freude machen. Es ist schön, wenn eine Predigt gelingt und Menschen dankbar reagieren. Marco wehrte sich deshalb gegen eine falsche Bescheidenheit. Wir dürfen uns über das freuen, was Gott durch uns tut.
Doch Freude kann in Überheblichkeit kippen. Wer erlebt, dass ihm viele Menschen aufmerksam zuhören, kann sich leicht für unentbehrlich halten. Deshalb braucht es Freunde, die ehrlich sind. Vor allem braucht es die Erinnerung, wem die Bühne gehört.
Marco sagte, das Schönste sei für ihn nicht, wenn jemand nach einer Predigt sagt: „Du hast gut gepredigt.“ Das freue ihn natürlich auch. Noch schöner sei aber der Satz: „Gott hat zu mir gesprochen.“ Dann tritt der Prediger aus dem Mittelpunkt, und Gott erhält den ersten Platz.
Genau das wünsche ich mir für die nächste Generation, die Celina in unserem Gespräch repräsentierte. Ich wünsche mir Leiterinnen und Leiter, die ihre Berufung ernst nehmen, ohne daraus einen Karriereplan zu machen. Menschen, die Beziehungen wagen und zugleich lernen, auf sich selbst zu achten. Menschen, die sich tragen lassen, wenn sie selbst nicht mehr beten können. Und Menschen, die vor der Bühne ins Gebet gehen, weil sie wissen, was für eine Ehre es ist, dort zu stehen.
Nicht zur Ehre der Menschen, sondern zur Ehre Gottes und zum Wohl der Menschen.
Vielleicht besteht geistliche Reife am Ende nicht darin, immer mehr für Gott zu schaffen. Vielleicht zeigt sie sich darin, dass wir nach vielen Jahren noch wissen, wer wir ohne unsere Aufgaben sind. Dass unsere Gottesbeziehung keine Arbeitsbeziehung geworden ist. Dass wir unsere Agenda loslassen können und neu hören:
Gott will nicht zuerst, was du für ihn tust. Er will dich.
Die ganze Folge ansehen
Das vollständige Herzgespräch mit Marco Hoffmann und Co-Host Celina Thöny erscheint demnächst auf YouTube. Der Link zur Folge ist bereits vorbereitet: Zum Video
Blogartikel
von Daniel Janzen
Berufung klären und Theologie studieren bei IGW
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